Es ist einer der seltenen Glücksmomente für Stefan Dürr in diesem russischen Hitzesommer. Die nassen Locken kleben am Kopf des deutschen Agrarunternehmers, Tropfen prasseln auf das Dach seines Kuhstalls. Rundherum liegen Felder mit einer schwarzen Erde, die endlich mal wieder wie fettig glänzt. Regen! Der 46-jährige Dürr lächelt seine Kühe an. "Hier hängt mein Herz dran", sagt er. "Ich wollte zeigen, dass wir auch Milch machen können."

Das ist eine Art Königsdisziplin der russischen Landwirtschaft und schwieriger als der Anbau von Raps oder Sonnenblumen. "In vielen Betrieben sterben die Kühe, weil sie nicht richtig gehalten werden", sagt Dürr und wirkt wie ein beflissener Agrarstudent. Dabei ist er der Chef eines Landwirtschaftsbetriebes, der in Deutschland mit seinen 110.000 Hektar und 18.000 Rindern ein Gigant wäre. Hier, im russischen Schwarzerdegürtel bei Woronesch, zählt Dürrs Unternehmensgruppe Ekoniva eher zur Mittelklasse. Der Feldnachbar, die Agrarholding Prodimex, nutzt 400.000 Hektar Land.

Dürrs Freude vergeht schnell. Es war nur ein Schauer. Am Boden herrscht weiter Katastrophenstimmung. Erst die wochenlange Hitze. In Teilen des Woronescher Gebiets hat es seit April nicht mehr geregnet. Die legendäre Schwarzerde ist zu grauem Sand pulverisiert. Wo die Getreidehalme dem Bauern auf dem Feld bis zur Hüfte reichen müssten, stehen sie gerade bis auf Knöchelhöhe. Vor zwei Wochen kam das Feuer: Flammen zündeten im Torfboden, sprangen über die Baumwipfel und vernichteten ganze Getreidefelder.

Im Lipezker Gebiet südöstlich von Moskau sind 700 Hektar Weizen und 200 Hektar Gerste abgebrannt. Die Monokulturen, von denen viele bei Woronesch größer sind als alle Ländereien eines deutschen Durchschnittshofes zusammen, erweisen sich als besonders fatal. "Bei jedem Landwirt hier hat es gebrannt", erzählt Dürr. "Ein paar Strohhaufen, Felder, Maschinenhallen oder Scheunen. Bei uns hält sich der Schaden in Grenzen, denn unsere Betriebsfeuerwehr mit zehn Autos ist gut in Schuss." In anderen Betrieben streichen die Finanzmanager den Feuerschutz als Kostenfaktor zusammen. Wenn es brennt wie in diesem Jahr, ist die städtische Feuerwehr hilflos.

Bauern müssen ihr Vieh notschlachten, weil ihnen das Futtergetreide ausgeht

Mehr als zehn Millionen Hektar Agrarland haben Dürre und Flammen in Russland bisher vernichtet. Das entspricht fast der gesamten Ackerfläche Deutschlands. Manche Bauern müssen ihr Vieh notschlachten, weil sie nicht genügend Futtergetreide bekommen. Am vergangenen Donnerstag ordnete Premierminister Wladimir Putin einen Exportstopp für Getreide an. Der drittgrößte Getreidelieferant der Welt ist in Gefahr, seinen neu erworbenen Ruf als verlässlicher Handelspartner schon wieder zu verlieren. Durch die Katastrophe hat Russland beim Wiederaufstieg zur Agrarweltmacht einen schweren Rückschlag erlitten.

In den vergangenen Jahren hatte sich Russlands Landwirtschaft von der Depression der neunziger Jahre befreit. Schon strebte die Regierung in Moskau neben der Sicherung der Selbstversorgung Exporte wie zur Zarenzeit an, als der internationale Handel mit dem Getreide so wichtig war, wie es heute die Ölausfuhr ist. Ein Zehntel der weltweiten Ackerfläche liegt in Russland. Mehr als 25 Millionen Hektar Brachland könnten in kapitalistischer Neulandgewinnung zusätzlich erschlossen werden. In der Landwirtschaft sieht Moskau seine nächste strategische Ressource. Ist der Weizen bald Russlands neues Öl und Gas?

2008 feierte Russland eine Rekordernte von 108 Millionen Tonnen Getreide, mehr als doppelt so viel wie zehn Jahre zuvor. Eine neue Weizenweltmacht schien herangereift. Der damalige Präsident Wladimir Putin gründete die Getreideunion, eine staatliche Handelsorganisation, die Anspruch auf mindestens 30 Prozent des Marktes anmeldete. Kritikern erschien sie als Vorstufe eines staatlichen Handelsmonopols mit dem Ziel der Weltmarktdominanz.