ZEIT- Diskussion in Salzburg: "Hätten Romeo und Julia Handys gehabt, wäre es ein Happy End geworden." So ironisierte der Festspiel-Intendant Jürgen Flimm die Frage, warum der postmoderne Mensch keine Tragödien mehr schreibe. Eine SMS, und Romeo hätte gewusst, dass die Geliebte bloß scheintot war.

Technik als Tragödienkiller? Immerhin lautet das Motto von Salzburg 2010: "Wo Gott und die Menschen zusammenstoßen, entsteht Tragödie." Aber bis auf Wolfgang Rihms Dionysos wurden Klassiker aus dem 19. oder frühen 20. Jahrhundert gespielt, von Elektra bis Lulu . Noch klassischer im Theater: Ödipus, Phädra, Jedermann. Nicht anders in Deutschland, wo regelmäßig die Perser, die Orestie, Medea und Ödipus "Mitleid und Furcht" erzeugen. So hat uns Aristoteles in der Schule das Wesen der Tragödie erklärt.

Tragödie ist, anders als in der Umgangssprache, weder das schreckliche Unglück noch der Verlust eines geliebten Menschen, sondern die Kollision gleichwertiger Prinzipien: Kreons Staatsräson gegen Antigones gottgegebene Pflicht. Die Zuschauer sind die Geschworenen; sie müssen entscheiden. Manchmal, wie in der Orestie, gibt’s göttliche Hilfe. Da singt der Chor: "Wer an Zeus denkt, der gewinnt Einsicht, Verständnis des Ganzen." Und: "Er brachte den Menschen auf den Weg des Denkens, zum richtigen Denken. Er gab das Gesetz..."

Der postmoderne Mensch aber denkt nicht an Zeus. Ist Gott tot, sind es auch die ehernen Gebote, die im Zusammenprall Tragödie zeugen. "Anything goes" heißt: Ich habe recht, du aber auch – und beide dürfen wir das nicht so eng sehen. Wir müssen den "anderen" respektieren. Die mörderische Leidenschaft der Klytämnestra ist therapierbar. Othello und Desdemona gehen in die Eheberatung, die Montagues und Capulets in die Streitschule. Kreons rächender Staat ist dem rehabilitierenden gewichen. Ödipus lernt in der Familienaufstellung, dass er unschuldig ist. Medea ist unzurechnungsfähig. Hamlet bekommt einen Coach, der Entscheidungsfreude lehrt. Und Faust kriegt so viele Drittmittel, dass er auf den Teufel verzichten kann.

Wenn es das Unabänderliche, Unausweichliche nicht mehr gibt, kann es keine Tragödie geben, auch nicht jene "ewige Gerechtigkeit", die laut Hegel "in ihrem absoluten Walten durch die relative Berechtigung einseitiger Zwecke hindurch greift". Der Rest ist nicht Schweigen, sondern Gesprächsbedarf. Oder kulturelle Sensibilisierung. Oder Resozialisierung. Handys hülfen auch.

Aber damit ist das Problem nicht erledigt. Warum spielen wir Postmodernen denn andauernd Sophokles und Aischylos, Shakespeare und Racine? Warum fließen die Tränen bei La Traviata? Weil die Sehnsucht nach dem Absoluten eine "anthropologische Konstante" ist, auch wenn Gott tot sein sollte. Zitieren wir Raymond Chandler, den Schöpfer des unsterblichen Philip Marlowe, aus dem Essay The Simple Art of Murder: "In diese schäbigen Straßen muss sich ein Mann begeben, der selber nicht schäbig ist. Der weder befleckt noch ängstlich ist und nach der verborgenen Wahrheit sucht. Er weiß, was wahr und richtig ist; das fasziniert und erschreckt zugleich."