Eisvogelblaue Libellen schwirren über dem Ufer, die Luft duftet nach Wasserminze, aber entfremdete Städter kriegen beim Anblick der Rominte erst einmal einen Schreck. Rotbraun mäandert der Fluss durch seine grüne Aue. Welche scheußlichen Abwässer hat man hier eingeleitet?

Doch keine Industrie weit und breit in diesem entlegenen russischen Winkel, rund 140 Kilometer südöstlich des Ostseehafens Kaliningrad, der einst Königsberg hieß. Die irritierende Farbe rührt von Huminstoffen, die der Regen aus den reichen Wald- und Moorböden gewaschen hat. Die Rominte, die auf Russisch Krasnaja, die Rote, heißt, könnte hier kaum sauberer sein. Unbekümmert geht ein gutes Dutzend Naturschützer in die Knie, um sich, aus beiden Händen schöpfend, zu erfrischen.

Wälder und Moore der Rominter Heide zeigen, wie sich Brände verhindern lassen

Die Forstwissenschaftler und Moorforscher mit Rucksack und Gummistiefeln sind auf Wanderschaft durch ein Wald- und Feuchtgebiet, das in diesen Tagen ein Gegenbild zur brennenden Apokalypse rund um Moskau zeigt – und zugleich wichtige Hinweise zur Vorbeugung und Brandverhinderung liefert.

Die Exkursion hat Michael Succow zusammengestellt, Bodenkundler aus Greifswald. Der 69-Jährige wurde nach der Wende bekannt, als er, seinerzeit stellvertretender Umweltminister, die letzten Tage der DDR für einen weitsichtigen Coup nutzte und fast sieben Prozent des Landes unter strengen Naturschutz stellte. Mit dem gleichen Ziel reist der Träger des Alternativen Nobelpreises als gefragter Berater durch frühere Sowjetrepubliken, von Weißrussland bis Turkmenistan. Auch die Expertentour durch die Rominter Heide und andere Gebiete des ehemaligen Ostpreußens zielt auf die Vorbereitung neuer Schutzgebiete.

Die sanft geschwungenen grünen Endmoränen, die der größte der geplanten Prirodnij-Parks umfassen soll, erstrecken sich jenseits des fruchtbaren Pregeltals. Ihre Wiesen, Felder und Gehölze grenzen an einen dichten, wertvollen Tieflandwald. Am Rande dieser Sehnsuchtslandschaft aus Seen und Bächen, Sümpfen und Mooren liegen vereinzelte Dörfer.

Die bewegte Geschichte Ostpreußens hat dieser Region viele Wunden zugefügt, und so mischen sich bei dem deutsch-russischen Naturschutzprojekt viele Motive: Es soll einer verarmten Gegend neue, nachhaltige Einkommensquellen bringen und die Holzwirtschaft nachhaltig umgestalten. Ein bedeutender Wasserspeicher könnte erhalten und die Rolle der Moore als Kohlenstoffsenken begünstigt werden. Die Landschaft soll Katastrophen wie der gegenwärtigen trotzen können. Und schließlich gilt es, Lebensräume für die Vielfalt der Arten zu bewahren, damit Mensch, Tiere und Pflanzen, auf gut Preußisch gesagt, jeder nach seiner Fasson selig werden können.

"Schwarzstörche!" Plötzlich legt Michael Succow den Kopf in den Nacken und blickt dem langbeinigen Vogelpaar hinterher. Wer mit dem passionierten Naturschützer unterwegs ist, der muss auf Unterbrechungen seines Erzählstroms gefasst sein. So wie jetzt bei Ciconia nigra: Sommers gehöre der Schwarzstorch hier zum Landschaftsbild wie seine schwarz-weiße Verwandtschaft, auch wenn er nicht wie diese auf alten Scheunen nistet, sondern scheu im Wald.