Es ist noch nicht allzu lange her, da war Norbert Röttgen einer der unbestrittenen Hoffnungsträger der Union, eine Art brillanter Sonnyboy des bundesdeutschen Konservatismus: scharfe Intelligenz, eindringliche Rhetorik, polemisches Talent, dazu der Ernst und die Freude an politischen Grundsatzdebatten. Selbst in Kreisen der Union, denen Röttgen schon immer etwas zu weit links angesiedelt war, galt der 45-jährige Jurist aus dem Rheinland als Ausnahmetalent.

In jüngster Zeit hat sich die Begeisterung deutlich gelegt. Parteifreunde fordern den Umweltminister zum Rücktritt auf, halten ihn entweder für einen Traumtänzer oder für eine Art Agent Provocateur des rot-grünen Milieus. Manche sagen ihm unstillbaren Ehrgeiz nach, andere beschreiben ihn als rücksichtslosen Solisten. Es ist nicht schwer, in der Union derzeit Leute zu finden, die Röttgen in den kommenden Wochen eine Doppelniederlage wünschen: im Kampf um die Laufzeitverlängerung für die deutschen Atomkraftwerke und im Kampf um den Parteivorsitz im wichtigsten CDU-Landesverband Nordrhein-Westfalen.

Röttgen selbst ist gar nicht da. Er macht Urlaub. Wer mit ihm spricht, hat nicht den Eindruck, die Nachrichten aus der Heimat würden ihn sonderlich beunruhigen. Er ahnt, dass er vor den härtesten Wochen seiner bisherigen Karriere steht, aber er wirkt gelassen. So wirkt er meistens.

Röttgen ist in der talentreichen Generation der 40-Jährigen in der CDU eine Klasse für sich, er weiß das, und er hat sich nie Mühe gegeben, es zu verbergen. Auf ganz und gar unmachohafte Weise und deshalb besonders provozierend, signalisiert Röttgen, immer mit einem Lächeln auf den Lippen: Mir kann keiner. Es gibt in seiner Partei inzwischen einige, die sich in den Gedanken verliebt haben, das Gegenteil zu beweisen. Volker Kauder etwa, oder Stefan Mappus.

Ein kleines Schauspiel innerparteilicher Polemik hat Röttgen kürzlich in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung abgeliefert. Die Union solle sich "gut überlegen, ob sie gerade die Kernenergie zu einem Alleinstellungsmerkmal machen will". In diesem Ratschlag klang nicht nur Hohn darüber an, dass in Teilen der Union das Atomthema inzwischen als letzter Ausweis programmatischer Originalität zu gelten scheint. Zugleich rührte Röttgen an das Unbehagen der Atombefürworter, dass sie nicht einmal der Zustimmung der eigenen Anhänger sicher sein können. Das und die Andeutung, er könne sich eine Laufzeitverlängerung von acht Jahren vorstellen, reichte, um seine Widersacher auf die Barrikaden zu treiben.

Es sei doch "nur der Koalitionsvertrag in Kurzfassung", den er immer wieder vortrage, hält Röttgen dagegen. Das erregt seine Gegner besonders – weil es im Kern ja stimmt: Die schwarz-gelbe Koalition will die Nutzung der Atomenergie beenden. Wie Rot-Grün. Gestritten wird nur noch über die Frage, wann abgeschaltet wird. Deshalb mobilisiert der Streit über diese Jahreszahl den ganzen Frust derer, die bis heute nicht einsehen wollen, warum überhaupt Schluss sein soll.

Lange hatte Röttgen nach dem Ort gesucht, von dem aus er politisch wirken kann. In den Phasen, in denen er nicht recht fündig wurde, traf man ihn öfter in sarkastischer Stimmung. 2006 verfiel er sogar auf die aberwitzige Idee, er könne das angemessene Betätigungsfeld, das die Politik ihm nicht bot, beim Bundesverband der Deutschen Industrie finden. Es dauerte eine Weile, bis ihm klar wurde, dass er irrlichterte.

Zu Beginn der schwarz-gelben Regierung betraute Angela Merkel ihn dann mit dem Umweltministerium. Röttgen für Ökologie, das war ein kalkulierter Schritt auf dem Weg der Modernisierung der Union. Man kann nicht sagen, er habe den Auftrag nicht ernst genommen. Wenn er heute seine Vorstellungen für die energiepolitische Wende zugunsten ökologischer Nachhaltigkeit und wirtschaftlicher Innovation vorträgt, können selbst Grüne kaum widersprechen.