Dass da ein Problem auf sie zukommt, erfährt die Hamburger Polizei am späten Nachmittag, gegen 17 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt ist Hans-Peter W. bereits auf dem Weg in die Hansestadt, in einem Wagen der niedersächsischen Bewährungshilfe. Keine vier Stunden später steht der 53-Jährige vor der großen Freitreppe des Hamburger Polizeipräsidiums. In der Hand hat er nur kleines Gepäck, seinen Zentralregister-Auszug und das letzte Gerichtsurteil gegen ihn aus dem Jahr 1981 wegen Vergewaltigung.

W. ist ein Mann, der die letzten 29 Jahre hinter Gittern verbracht hat, erst in Haft, dann in Sicherungsverwahrung. Ein Mann ohne Familie, ohne Freunde, ohne Bindungen, ohne Bleibe. Ein paar Tage später wird ihn ein Boulevardblatt "Deutschlands gefährlichsten Sex-Verbrecher" nennen. Jetzt ist er plötzlich frei, und die Hamburger Polizei soll sich um ihn kümmern. Niemand ist darauf vorbereitet. Weil sie nichts über W. wissen, beginnen die Beamten an diesem Julitag erst einmal im Internet nach Informationen über ihn zu suchen.

W. ist einer von mittlerweile 15 Straftätern , die aufgrund eines Urteils des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte in den vergangenen Wochen aus der Sicherungsverwahrung entlassen worden sind. Sechzig bis achtzig weitere Männer werden ihnen in den nächsten Monaten folgen. Nicht alle saßen wegen Sexualverbrechen im Gefängnis, nicht alle sind rückfallgefährdete Gewalttäter. Die meisten schon. Wie viele, weiß niemand.

Im Prinzip sind die Entlassenen freie Menschen. Zwar stehen sie unter Führungsaufsicht, müssen sich also in vorgeschriebenen Abständen bei der Polizei melden oder andere Auflagen erfüllen. Ansonsten aber können sie selbst entscheiden, wo sie leben wollen. W., erzählt sein Anwalt Bernd Behnke, habe sich Hamburg ausgesucht, weil er gedacht habe, das sei "eine liberale und weltoffene Stadt".

Dort wird W. zuerst in einem Männerwohnheim untergebracht. Vertrauensselig sucht er Kontakt zu den Nachbarn, erzählt seine Lebensgeschichte. Ein paar Tage später berichtet eine Boulevardzeitung über W. Der Ex-Häftling wird umquartiert, in eine Wohnung im Hamburger Süden. Reporter verfolgen ihn auch dorthin, einige dringen bis in die Wohnung ein. Auf W.s Wohnungstür schmiert irgendwer in roter Farbe "Vergewaltiger raus!". Er muss wieder umziehen, vor laufenden Kameras. Polizeibeamte eskortieren ihn, als er, die Jacke über den Kopf gestülpt, in eine Zivilstreife steigt. Eine Frau schreit: "Verpiss dich, du Bestie!" W.s Anwalt Bernd Behnke spricht von "Menschenjagd".

Niemand hat eine Vorstellung davon, was mit Männern wie W. jetzt geschehen soll. Es gibt kein Konzept für ihre Überwachung, es gibt keine Pläne, wo sie untergebracht oder wie sie auf das Leben in Freiheit vorbereitet werden sollen. Es fehlt an Betreuern, an Geld, an politischer Orientierung. Die zuständigen Behörden sind komplett überfordert. Der Boulevard läuft Amok. Und ein Polizeigewerkschafter hat nun sogar schon einen Internet-Pranger für Sexualstraftäter gefordert. Es gibt augenscheinlich kein Niveau, das sich nicht noch unterbieten ließe.

Es ist ein Desaster. 

Dabei kommt das Problem nicht aus dem Nichts. Schon in ihrem Koalitionsvertrag haben Union und FDP eine "Harmonisierung" der Sicherungsverwahrung vereinbart, um sie "rechtsstaatlich und europarechtskonform" zu machen. Das war im vergangenen Oktober, vor zehn Monaten also. Im Dezember 2009 dann, vor acht Monaten, hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg das deutsche Konzept der Sicherungsverwahrung in zwei entscheidenden Punkten für menschenrechtswidrig erklärt.