Als sie sich Lendenstücke, Brust und Bauchlappen des Paarhufers einverleibt hatten, kratzten sie mit scharfen Steinklingen die letzten Fleischfetzen von den Knochen. Doch auch damit war ihr Hunger nach tierischem Eiweiß und Fett nicht gestillt. Sie griffen nach einem wuchtigen Gesteinsbrocken, schlugen die Röhrenknochen entzwei und pulten das nahrhafte Mark heraus.

Die frühen Hominiden, die sich vor möglicherweise dreieinhalb Millionen Jahren im Gebiet des heutigen Äthiopien zum Tafeln versammelt hatten, aßen gründlich auf. Das belegen die Schnitt- und Schlagspuren an zwei Knochen, die Forscher im Wüstenboden in der Gegend von Dikika gefunden haben.

Mithilfe von Werkzeugen hatten Vertreter der Art Australopithecus afarensis auch noch das letzte Fitzelchen Essbares von den tierischen Gebeinen gekratzt, vermuten die Wissenschaftler um den Paläoanthropologen Zeresenay Alemseged aus San Francisco und den Archäologen Shannon McPherron vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie (EVA) in Leipzig.

In der aktuellen Ausgabe von Nature (Bd. 466, S. 857) präsentieren die Wissenschaftler ihre fossilen Beweisstücke. Sollten die beiden malträtierten Knochen (die Rippe eines Huftiers und der Oberschenkelknochen eines jungen Rinds) tatsächlich 3,4 Millionen Jahre alt sein, handelte es sich um die mit Abstand ältesten Hinweise auf die Verwendung von Werkzeug durch Vormenschen.

Die Steinzeit hätte demnach 800.000 Jahre früher begonnen – mit anderen Akteuren als gedacht. Bislang haben die Paläoanthropologen erst frühen Vertretern der Gattung Homo die Verwendung scharfer Steinklingen zugebilligt. Vor 3,4 Millionen Jahren aber gab es noch keinen Homo. Der Ur-Fleischer müsste also ein Australopithecus gewesen sein.

"Nur" 2,6 Millionen Jahre alt sind die ältesten gefundenen Werkzeuge: Feuersteinabschläge, ebenfalls aus Äthiopien. Mit diesen Vorformen von Steinklingen säbelten Hominiden einst den Antilopen die Zunge aus dem Maul und zertrennten die Sehnen in den Gliedmaßen, um die Beutetiere für den Verzehr herzurichten.

In Dikika fanden sich bislang keine Küchenwerkzeuge – nur die beiden knöchernen Überbleibsel jener frühen Fleischmahlzeit. Allerdings lagen die Fundstücke DIK55-2 und DIK55-3 nur 300 Meter von jenem Platz entfernt, an dem Alemseged bereits im Jahr 2000 erfolgreich gegraben hatte. Damals stieß er auf die Überreste von "Selam", dem dreijährigen "Mädchen von Dikika" . Dessen Alter wird auf 3,3 Millionen Jahre beziffert. Und nur zehn Kilometer nördlich der letzten Ruhestätte von Selam lagen die Gebeine der fast so alten "Lucy".