Nein, "scherenschnittartig", wie es Eckhard Nagel dem Plädoyer Michael de Ridders für eine ärztliche Beihilfe zum Suizid vorwirft, wird man seinen eigenen Beitrag nicht nennen können. Es steht schlimmer: Nach einigen diskutablen Überlegungen zu Möglichkeiten und Grenzen der Palliativmedizin bestimmen trotz des lobenswerten Gelöbnisses, sich "theologischer Kategorien" zu enthalten, massive theologische Vorurteile die Pseudoargumentation.

Mag man das Geraune von der "Akzeptanz des Nichterklärbaren", vom Leben als "unverdientem, wunderbarem", nur anzunehmendem "Geschenk" noch als frommen Kitsch gelten lassen, obwohl es sich angesichts etwa des von de Ridder geschilderten Falles wie blanker Hohn ausnimmt, so sind die gefällten Werturteile von solcher Penetranz, dass sie Widerspruch provozieren müssen.

Der Suizid als "Widerspruch zum Leben" soll "einer endgültigen Absage" an – ja, nicht etwa das Leben, sondern "an das Menschsein" nahekommen, mehr noch: die "Kapitulation vor der menschlichen Existenz" sein. Als ob es eine von der griechisch-römischen Philosophie über die europäische Aufklärung bis zum Existenzialismus, in der Gegenwart bis zu Jean Amérys Hand an sich legen reichende Apologie des Suizids nicht gegeben hätte, eine Verteidigung des Selbsttötens, die gerade im Zeichen einer radikalen Freiheit des Menschseins argumentiert.

Gesprochen wird dafür die alte dogmatische Sprache der Heteronomie, einer Fremdbestimmtheit, die das Leben unter allen, auch den grausamsten Umständen als – paradox verpflichtendes – "Geschenk" verstehen will und den Suizid demgemäß als unzulässigen, schuldhaften Widerspruch zum gottgegebenen Leben verwirft. Die Beihilfe zur Selbsttötung muss dieser Logik zufolge die Beihilfe zur Geschenkverweigerung, zur – offenbar inhumanen – "Absage an das Menschsein" sein.

Eine tatsächlich humane, sich auf den Boden des Menschen und des Menschlichen stellende Argumentation wird demgegenüber beharren: Die Erfüllung des Todesbegehrens, der Todesbitte eines zu direkter Selbsttötung nicht mehr fähigen Suizidenten als indirekter, assistierter Suizid ist nicht nur legitim. Sie erhält dem Suizidenten auch ebenjene menschliche Würde und Autonomie, die eine in ihrer Herkunft und in ihren Werturteilen theologische Ethik nach wie vor nicht gelten lassen will und mit der Unterscheidung zwischen Autonomie und der "bescheideneren Selbstbestimmung" unterbietet. Als Verwerfung des Menschenrechtes auf Freiheit zum Tod, als theologisch motivierte Freiheitsberaubung und Angriff auf das irreführend berufene "Menschsein" muss man sie daher diskutieren.

Erfreulicherweise ist es inzwischen bis auf einige argumentationsgeschichtlich rückständige Reservate weithin akzeptiert, dass es im Gegensatz zu der traditionellen Verwerfung des Suizids und der vormaligen religiösen und gesellschaftlichen Ächtung der Suizidenten, im Gegensatz auch zu einer angeblich kategorischen Pflicht zur Selbsterhaltung (Kant) und den normativen Vorgaben einer "Pflicht zum Sein" (Hans Jonas), keine moralische Verbindlichkeit gibt, sein Leben unter allen Umständen zu erhalten. Geschweige denn, dass es ein Recht des Staates gäbe, jemandem, der erklärtermaßen sein Leben beenden will, das zu verbieten oder diejenigen, die ihm zur Realisierung seines Willens zum Tode verhelfen können, unter Strafe zu stellen.

Die Zeiten der im höchsten Maße lieblosen, ja abgrundtief grausamen christlich-abendländischen Verfolgung des "Selbstmordes" und der "Selbstmörder", die diese vom christlichen Begräbnis ausgeschlossen, der ewigen Verdammnis überantwortet, das Vermögen ihrer Familien nach den Regeln suizidaler Sippenhaft konfisziert und noch ihre Leichen gefoltert hat, sind vorbei. Das bittere Schlusswort von Goethes Werther – "Handwerker trugen ihn. Kein Geistlicher hat ihn begleitet" – ist in diesem Sinn überholt. Wer gehen will, kann gehen. Ebenso hört man von der – immerhin ironischen – vormaligen Strafverfolgung der "Selbstmörder", mündend in die Todesstrafe, nicht mehr. Die verbliebenen Sanktionen sind allein auf die assistierenden Sterbehelfer übergegangen.

Jenen Diskutanten, die ihren Argumentationsschatz ihrer theologischen Mitgift verdanken, scheint es indessen noch heute unglaublich, dass ein Suizident sich in Freiheit gegen das angebliche "Geschenk des Lebens", die verpflichtendste aller Obligationen, entscheiden kann und, wo er zwar aus eigener Verantwortung, aber nicht mehr aus eigener Kraft dazu imstande ist, menschliche Hilfe zur Realisierung seiner Todesentscheidung in Anspruch nimmt. Man kann es sich offenbar gar nicht vorstellen, dass jemand wirklich sagt und das auch genau so meint: "Ich habe genug" – und dass ein anderer ihm notfalls dabei hilft.