Zwei Jahre habe ich durchgehalten, zwei Jahre ohne Fleisch. Meine Gründe waren nicht ehrenwert, im Wesentlichen wohl Ekel. Vor der babyrosa Wurst, nachdem ich wusste, was drin war. Vor den grausamen Mechanismen des Aufziehens, Anfütterns, Tötens. Wieder angefangen habe ich aus einem Grund, auf den auch nicht sehr stolz bin: Es hatte mir einfach zu gut geschmeckt. Der Wildschweinschinken, die Kalbsleber, die Taubenbrust – ich wollte nicht länger darauf verzichten. Fleisch ist ein erstaunliches Lebensmittel. Man brät es und hat fast schon ein Gericht. Man kocht es und gewinnt eine Brühe. Nichts gegen Paprika, Pilze, Rüben, aber die kommen da einfach nicht mit.

Der Tierwelt hat meine vorübergehende Läuterung kaum etwas gebracht. Mir aber schon. Ich verstehe jetzt, was Vegetarier sehen. Diesen Blick, der auf fremde Teller fällt: Igitt, zerstückeltes Tier. Und der dann prüfend aufwärts wandert zu dem, der so etwas isst. Zu einem, der kein Huhn rupfen könnte, ohne sich zu erbrechen, der aber, einem dumpfen Trieb folgend, seine verkümmerten Eckzähne in das Aas des Tieres schlägt, das ein anderer für ihn erlegt hat. Ein kläglicher Anblick, so kam mir das vor. Heute sehe ich mit diesen Augen vor allem mich selbst.

Wenn man uns Fleischesser zur Rede stellt, verstricken wir uns in heillosen Unsinn. "Der Mensch ist ein Raubtier und braucht nun mal Fleisch", "das Tier stirbt irgendwann ja sowieso", solche Sachen. Die Wahrheit ist viel einfacher: Wir stehen vor einem Dilemma. Wir mögen Tiere, ihr Fleisch aber auch. Und entscheiden meistens eher mit dem Magen als mit dem Herzen.

Wie schlimm ist das? Ich weiß es nicht. Es gibt ja keinen, der uns vormacht, wie man eigene Freud und tierisches Leid gegeneinander aufwiegen soll. Mitgeschöpfe als Nahrung zu betrachten ist auf dieser Welt der Normalfall. Wir wissen, dass Tiere Tiere töten, ohne Not oft und gewiss ohne Reue. Und auch die Naturvölker, sonst ein gern bemühtes Vorbild, zeigen sich in dieser Hinsicht alles andere als zimperlich. Um an Fleisch zu kommen, haben Menschen keine Mühen gescheut. Aus freiem Entschluss darauf zu verzichten ist eine bewundernswerte zivilisatorische Leistung. Aber braucht sie diesen Rigorismus, diese Bereitschaft, jeden ins Unrecht zu setzen, der es etwas lockerer sieht?

Ich selber halte es heute so: Ich esse wenig Fleisch, in der Woche nicht sehr viel mehr als der Durchschnittsdeutsche am Tag. Ich lasse es mich etwas kosten. Das Tier soll die Sonne gesehen, sein kurzes Leben genossen und sein liebstes Futter gefressen haben, ehe es mir als Nahrung dient. Dahinter steckt auch Eigennutz; solches Fleisch schmeckt einfach besser.

Ja, das ist ein fauler Kompromiss. Und wann immer ich auf einer Speisekarte von Milchlamm oder Stubenküken lese, sehe ich die Tiere vor mir und schäme mich. Aber auch der komplette Verzicht hat mir damals keinen Seelenfrieden gebracht. Ich kam immer noch ins Stottern, wenn einer fragte, warum ich weiter Fisch aß, Milch trank, Lederjacken trug, Arzneimittel verwendete, die an Tieren erprobt worden waren. Man kann verzichten, soweit man es aushält, und wird doch den Zwiespalt nicht los.

Wir Fleischesser stellen uns dumm, wenn wir unser Steak anschauen, als sei es am Baum gewachsen, nur zu unserem Vergnügen. Aber ganz ehrlich sind auch die Vegetarier nicht, wenn sie milde auf uns herunterlächeln von einer höheren Stufe der Evolution. "Was ihr nur habt mit eurem Fleisch?", fragen sie gerne. "Ich brächte das gar nicht herunter."

Liebe Vegetarier, bitte probiert doch einmal oder noch einmal, wie es sich anfühlt, Fleisch zu essen. Es müssen keine zwei Jahre sein, aber wenigstens zwei Bissen. Kostet ein Stück Rinderschulter, Charolais, marmoriert, einen Tag lang mit Rotwein und Wurzelgemüse geschmort. Eine Scheibe vom Rehfilet, medium rare gebraten, bestreut mit Meersalz, schwarzem Pfeffer und frischem Thymian. Dann versteht ihr besser, wovon wir reden. Jedenfalls so lange, bis der antrainierte Ekel euch einholt und ihr ausspucken müsst. Es stimmt ja, ihr seid die besseren Menschen.

Aber mehr Spaß haben wir.