Sie wollen die Wahrheit nicht wissen

Als Ernestina Noble de Herrera 1976 zwei Säuglinge adoptierte, war der genetische Fingerabdruck noch nicht erfunden. Die argentinische Verlegerin ahnte nicht, dass Gerichtsmediziner einige Jahre später mit nur einem Tropfen Blut feststellen könnten, zu welcher Familie ein Kind gehört. Auch wenn die Eltern ermordet wurden und niemand weiß, wo ihre Leichen liegen. Noble nannte die Kinder, ihre künftigen Erben, Marcela und Felipe.

Wenige Monate vor der Adoption hatte eine Militärjunta unter General Jorge Rafael Videla die Macht an sich gerissen. Ernestina Noble de Herrera war die mächtigste Frau im Land und das Flaggschiff ihres Konzerns, die Tageszeitung Clarín, dem Diktator wohlgesinnt. Am 25. März 1976, dem Tag nach dem Putsch, titelte Clarín: "Völlige Normalität. Die Streitkräfte regieren."

Etwa 30.000 Menschen ließ das Regime in Argentinien zwischen 1976 und 1983 foltern und "verschwinden". Die Opfer wurden anonym verscharrt oder betäubt aus Flugzeugen über dem Río de la Plata abgeworfen. Für schwangere Häftlinge gab es in den geheimen Foltercamps Kreißsäle, viele der Frauen bekamen ihre Kinder angekettet und mit verbundenen Augen. Die Kinder wurden verkauft, verschenkt oder an Adoptiveltern vermittelt.

"Wir wollen unseren Enkeln ihren Namen zurückgeben", sagt Estela Barnes de Carlotto, die Präsidentin der Abuelas, der Großmütter der Diktaturopfer. "101 Enkel haben wir schon gefunden. Viele sind bei den Mördern ihrer Eltern aufgewachsen." Mehr als 400 gestohlene Kinder, die heute um die 30 Jahre alt sind und unter falschem Namen in Argentinien leben, suchen die Großmütter noch. Felipe und Marcela Noble de Herrera könnten zwei von ihnen sein. "Wir fordern einen DNA-Abgleich mit der Gendatenbank, in der die Angehörigen der Diktaturopfer ihre Blutproben hinterlegt haben", sagt Carlotto bestimmt. Ihre glatte Haut täuscht darüber hinweg, dass sie 80 Jahre alt ist. Sie weiß: Die Zeit arbeitet gegen sie.

Bis 2006 sicherten die sogenannten "Schlusspunktgesetze" den Diktaturverbrechern Straffreiheit zu. Deshalb steht Ex-Diktator Videla erst jetzt vor Gericht. Er habe einen "Geheimplan zur Ausrottung von Dissidenten" exekutieren lassen, lautet die Anklage. Im September beginnt ein zweites Verfahren, es geht um den Entwurf eines "systematischen Plans des Kindesraubs". Doch die dubiose Adoption der Kinder der Clarín- Chefin bewegt die Argentinier schon länger. Kaum ein Tag vergeht ohne Neuigkeiten. Ende 2009 mussten Marcela und Felipe zwar einen Bluttest abgeben, doch dann verhinderten Nobles Anwälte die Auswertung der Proben. Sie zweifelten die Glaubwürdigkeit der Gendatenbank an. "Das Labor ist absolut verlässlich", sagt Carlotto. "Ich will ja auch nicht irgendeinen Enkel, ich will das Kind meiner ermordeten Tochter Laura."

"Der Staat muss handeln. Die Adoptionspapiere von Marcela und Felipe sind plump gefälscht", sagt der ehemalige Bundesrichter Roberto Marquevich, dem der Fall Noble zum Verhängnis wurde. 2002 legte er sich mit der mächtigen Verlegerin an, die damals auf der Forbes- Liste der Superreichen stand. Marquevich hatte nachgeforscht, ließ Noble verhaften. Wenig später wurde er seines Amtes enthoben. "Ich bereue die Verhaftung nicht, es war meine Pflicht. Nur ärgere ich mich, dass ich sie nicht in ein normales Gefängnis geschickt habe, sondern sie in einem angenehmen Raum auf einer Polizeiwache unterbringen ließ." Noble kam nach wenigen Tagen frei.

Der ehemalige Richter, der auch Ex-Diktator Videla verhaften ließ, ist sich sicher, dass Felipe und Marcela Kinder von Verschwundenen sind. "Frau Noble hat eine Adoption simuliert", sagt Marquevich. Seine Recherchen bringen die Medienzarin zumindest in Bedrängnis.

Die Stimmung in Argentinien ist geteilt

Der Fall Marcela: Das Mädchen habe vor dem Haus Nobles gelegen, in einem Pappkarton. Das sagten zwei Zeugen aus. Yolanda Echagüe de Aragón, eine vermeintliche Nachbarin, und Roberto García, angeblich Hausmeister eines anderen Nachbarhauses, Marquevich lud beide vor und fand heraus: Echagüe hat nie neben den Nobles gewohnt. García war kein Hausmeister in der Nachbarschaft, sondern fast 40 Jahre lang der Chauffeur von Nobles 1969 verstorbenem Mann.

Der Fall Felipe: Carmen Luisa Delta, Ausweisnummer 5847175, kam mit einem Kind im Arm zum Gericht in San Isidro und gab das Kind zur Adoption frei. Die Richterin stimmte ohne Prüfung zu. Marquevich stellte fest: In Argentinien gibt es keine Frau mit diesem Namen. Die Ausweisnummer ist die eines gewissen Hugo Talkowski, der von der ganzen Geschichte nichts weiß.

Ernestina Noble de Herrera hatte sich wohl 1976 tatsächlich keine Gedanken gemacht, dass jemand einmal Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Adoption haben könnte. Sie gab als Wohnsitz San Isidro an, obwohl sie im Zentrum von Buenos Aires wohnte. Vermutlich, um die Adoption in San Isidro beantragen zu können. Die dortige Jugendrichterin, Ofelia Heijt, soll auch Kinder von anderen Diktaturopfern zur Adoption freigegeben haben.

Die Stimmung in Argentinien ist geteilt. Was wiegt mehr: das Recht der Angehörigen, zu wissen, wer ihre Enkel sind, oder das Recht der Kinder, nicht zu wissen, zu wem sie gehören?

"Wir sind sowieso schon Opfer, warum sollen wir noch mal leiden?", fragen die Geschwister Noble. Sie halten zu ihrer Adoptivmutter. Eine Richterin ordnete vor Kurzem an, Kleider und persönliche Gegenstände der beiden zu konfiszieren. Marcela und Felipe beschwerten sich vor laufenden Kameras. "Wir mussten die Kleider vor sieben Personen ausziehen", sagte Marcela. "Sie haben meine Unterhose, Socken, die Hose, das T-Shirt mitgenommen. Wo ist da der Opferschutz?" Doch als sich herausstellte, dass alle Beweisstücke manipuliert waren, erschien der mitleiderregende Fernsehauftritt wie eine vorbereitete Farce. An den Zahnbürsten, Marcelas Slip und Felipes Kleidungsstücken – die auf die Richterin "wie neu" wirkten – fanden die Labortechniker genetische Spuren von vier verschiedenen Personen. Haben Marcela und Felipe vorher von der Aktion gewusst?

Es wäre nicht das erste Mal, dass Betroffene Beweisstücke manipulieren, um ihre Adoptiveltern zu schützen. "Ich wollte die Wahrheit zunächst nicht wissen", sagt Alejandro Sandoval, der seinen wirklichen Namen erst vor vier Jahren erfuhr. Alejandro weigerte sich, eine Blutprobe abzugeben. Wie im Fall Noble kamen Polizisten zu ihm nach Hause, um die Zahnbürste, den Kamm und andere Gegenstände mitzunehmen. Doch Alejandro hatte kurz zuvor seinem Hund die Zähne geputzt und das Tier gekämmt. Sein Adoptivvater hatte gute Kontakte und war vorgewarnt. Inzwischen kennt Alejandro seine echten Großeltern, der Adoptivvater sitzt im Gefängnis. "Meine Botschaft an Marcela und Felipe: Lasst euch Zeit. Und versucht zu verstehen, dass nicht nur die Person, die euch großgezogen hat, für euch da ist. Eine andere Familie wartet auf euch." 

Marcela und Felipe sehen sich als Spielball der Politik

Die Identität der Noble-Kinder ist keine Privatangelegenheit, ein politischer Machtkampf ist entbrannt. Niemand kann regieren, wenn Clarín nicht hinter ihm steht, heißt es in Argentinien. Die Regierung Kirchner versucht derzeit, das Gegenteil zu beweisen. Cristina Fernández de Kirchner peitschte ein neues Mediengesetz durch die Instanzen, das Medienmonopole wie die Clarín- Gruppe zerschlagen soll. Das bisherige Gesetz stammte aus Diktaturzeiten. Es gebe eine "Verschwörung" zwischen Clarín und der Opposition, sagte Néstor Kirchner der Zeitung La Nación. Ziel sei es, "die Regierung vor Jahresende zu stürzen". Tatsächlich versammelten sich in der vergangenen Woche wichtige Vertreter der Opposition in der Wohnung von Clarín- Geschäftsführer Héctor Magnetto.

Marcela und Felipe sehen sich als Spielball der Politik. Sie schalteten eine Anzeige: "Unsere Mutter ist die Direktorin von Clarín, einer Zeitung, die einer heftigen Kampagne staatlicher Angriffe ausgesetzt ist [...]. Vor 34 Jahren hat unsere Mutter uns gewählt. Und heute wählen wir sie jeden Tag zu unserer Mutter."

Die Vergangenheit wird die Argentinier in diesem Jahr weiter beschäftigen. Die Verfahren gegen Ex-Diktator Videla und andere Diktaturverbrecher laufen. Gegen weitere 1400 Personen wird ermittelt. Die Richterin könnte entscheiden, dass Marcela und Felipe eine Blutprobe abgeben müssen. Und Estela de Carlotto könnte den Friedensnobelpreis erhalten. "Darüber würden wir Großmütter uns natürlich freuen", sagt Carlotto bescheiden. "Aber der schönste Preis ist, einen lange gesuchten Enkel in die Arme zu schließen."