Der Fall Marcela: Das Mädchen habe vor dem Haus Nobles gelegen, in einem Pappkarton. Das sagten zwei Zeugen aus. Yolanda Echagüe de Aragón, eine vermeintliche Nachbarin, und Roberto García, angeblich Hausmeister eines anderen Nachbarhauses, Marquevich lud beide vor und fand heraus: Echagüe hat nie neben den Nobles gewohnt. García war kein Hausmeister in der Nachbarschaft, sondern fast 40 Jahre lang der Chauffeur von Nobles 1969 verstorbenem Mann.

Der Fall Felipe: Carmen Luisa Delta, Ausweisnummer 5847175, kam mit einem Kind im Arm zum Gericht in San Isidro und gab das Kind zur Adoption frei. Die Richterin stimmte ohne Prüfung zu. Marquevich stellte fest: In Argentinien gibt es keine Frau mit diesem Namen. Die Ausweisnummer ist die eines gewissen Hugo Talkowski, der von der ganzen Geschichte nichts weiß.

Ernestina Noble de Herrera hatte sich wohl 1976 tatsächlich keine Gedanken gemacht, dass jemand einmal Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Adoption haben könnte. Sie gab als Wohnsitz San Isidro an, obwohl sie im Zentrum von Buenos Aires wohnte. Vermutlich, um die Adoption in San Isidro beantragen zu können. Die dortige Jugendrichterin, Ofelia Heijt, soll auch Kinder von anderen Diktaturopfern zur Adoption freigegeben haben.

Die Stimmung in Argentinien ist geteilt. Was wiegt mehr: das Recht der Angehörigen, zu wissen, wer ihre Enkel sind, oder das Recht der Kinder, nicht zu wissen, zu wem sie gehören?

"Wir sind sowieso schon Opfer, warum sollen wir noch mal leiden?", fragen die Geschwister Noble. Sie halten zu ihrer Adoptivmutter. Eine Richterin ordnete vor Kurzem an, Kleider und persönliche Gegenstände der beiden zu konfiszieren. Marcela und Felipe beschwerten sich vor laufenden Kameras. "Wir mussten die Kleider vor sieben Personen ausziehen", sagte Marcela. "Sie haben meine Unterhose, Socken, die Hose, das T-Shirt mitgenommen. Wo ist da der Opferschutz?" Doch als sich herausstellte, dass alle Beweisstücke manipuliert waren, erschien der mitleiderregende Fernsehauftritt wie eine vorbereitete Farce. An den Zahnbürsten, Marcelas Slip und Felipes Kleidungsstücken – die auf die Richterin "wie neu" wirkten – fanden die Labortechniker genetische Spuren von vier verschiedenen Personen. Haben Marcela und Felipe vorher von der Aktion gewusst?

Es wäre nicht das erste Mal, dass Betroffene Beweisstücke manipulieren, um ihre Adoptiveltern zu schützen. "Ich wollte die Wahrheit zunächst nicht wissen", sagt Alejandro Sandoval, der seinen wirklichen Namen erst vor vier Jahren erfuhr. Alejandro weigerte sich, eine Blutprobe abzugeben. Wie im Fall Noble kamen Polizisten zu ihm nach Hause, um die Zahnbürste, den Kamm und andere Gegenstände mitzunehmen. Doch Alejandro hatte kurz zuvor seinem Hund die Zähne geputzt und das Tier gekämmt. Sein Adoptivvater hatte gute Kontakte und war vorgewarnt. Inzwischen kennt Alejandro seine echten Großeltern, der Adoptivvater sitzt im Gefängnis. "Meine Botschaft an Marcela und Felipe: Lasst euch Zeit. Und versucht zu verstehen, dass nicht nur die Person, die euch großgezogen hat, für euch da ist. Eine andere Familie wartet auf euch."