Mitgefühl macht keine Unterschiede: Ein Mensch in Not ist ein Mensch in Not. Ganz gleich, ob seine Haut weiß, braun oder gelb ist; egal, ob er Christ, Animist oder Muslim ist. Gleichgültig, ob ein Tsunami, ein Beben oder eine Flutwelle ihn getroffen hat. Außer wenn er das Pech hat, im "gefährlichsten Land der Welt" zu leben – in Pakistan. Drei Wochen nach Beginn der größten Flutkatastrophe in der Geschichte des Landes, die 20 Millionen Menschen obdachlos gemacht hat, sind 3,5 Millionen Kinder nach UN-Angaben von Seuchen bedroht. Das sind gut fünfzehnmal so viele Betroffene wie in Haiti. Doch das Spendenaufkommen bewegt sich paradoxerweise bisher bei etwa einem Fünfzehntel dessen, was spontan für die Erdbebenopfer in der Karibik lockergemacht wurde.

Die Gründe für diese Herzensträgheit liegen auf der Hand: Pakistan ist ein vom Zerfall bedrohter, korrupter Staat mit Atomwaffen, der Terror exportiert und die Taliban stützt. Wenn unsere Soldaten in Afghanistan angegriffen werden, führen die Spuren oft ins Nachbarland, wo Dschihadisten Rückzugsräume haben. Als in Deutschland Anschläge nur knapp vereitelt wurden, stellte sich heraus, dass einige der Terroristen ihre Ausbildung in pakistanischen Trainingslagern genossen hatten. Die Regierung von Präsident Zardari hat über weite Teile des Landes keine Kontrolle. Wo sie noch das Sagen hat, landet ein Großteil der öffentlichen Mittel in den Taschen feudaler Clans.

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Und so einem Land sollen wir helfen? Das denken offenbar viele. Die sonst spendenfreudigen deutschen Bürger schließen erst einmal die Hand fest ums Portemonnaie. Die Bundesregierung versucht voranzugehen und hat immerhin 15 Millionen Euro Soforthilfe bewilligt – das sind fünf Millionen mehr als für Haiti. In Zeiten allgemeinen Sparens ist das ein Zeichen. Ist es groß genug, damit die Bürger folgen?

Andere haben schneller verstanden, dass das Humanitäre hier eminent politisch ist. Die militanten Islamisten gehen gezielt in die Lücken unseres Mitgefühls. Sie reichen den Gestrandeten die Hand und sichern ihr Überleben im Namen muslimischer Solidarität – mit dem Ziel, neue Rekruten für ihren Heiligen Krieg zu werben. Im Fastenmonat Ramadan ist die Überlebensportion Reis eine besonders starke Botschaft. Eine pakistanische Studie zeigt, dass die 20 ärmsten Distrikte mit der schlechtesten Ernährungslage auch die 20 militantesten sind.

Diese Satellitenbilder zeigen die Überflutungen im Süden Pakistans. Klicken Sie auf das Bild für eine größere Ansicht © Nasa

Die Saudis geben jetzt schon mehr als doppelt so viel Hilfe wie alle Europäer zusammen. Wollen wir ihnen Pakistan noch einmal überlassen, nachdem sie dort jahrzehntelang die radikalen Koranschulen gefördert haben? Die kommenden Wochen und Monate – wenn nicht Jahre – des Wiederaufbaus werden zum Wettbewerb um die Zukunft des Frontstaates im Kampf gegen den islamistischen Terrorismus.

Die Katastrophe bietet Gelegenheit, die gescheiterte Politik aufzugeben

"Frontstaat Pakistan": Diese Formel steht allerdings für eine westliche Politik, deren Scheitern angesichts der Flutkatastrophe offenbar geworden ist. Den Staat, der da auf offener Bühne versagt, haben wir nämlich mitgeschaffen. Der Westen hat Pakistans Militär und Sicherheitsapparat gepäppelt – erst im Krieg gegen die Russen, dann im "Kampf gegen den Terror". Die Taliban wurden im Auftrag Amerikas vom pakistanischen Geheimdienst aufgebaut, um gegen die Russen in Afghanistan zu kämpfen. Dann aber – nach 9/11 – sollte Pakistan auf einmal die Taliban bekämpfen. Wieder schwammen Geheimdienst und Armee im Westgeld – fast 20 Milliarden über die letzten 15 Jahre.

Und da ist es nicht möglich, die halbe Milliarde aufzutreiben, die die UN heute zur Hunger- und Seuchenbekämpfung brauchen? Den leidenden Pakistanern muss das obszön erscheinen: Wenn wir für euch in den Krieg ziehen, fließen die Milliarden. Doch wenn wir ertrinken, werdet ihr plötzlich klamm. Pakistan hat 30.000 Menschen und sieben Prozent des Offizierskorps im Antiterrorkampf verloren. Raza Ahmed, Journalist und Entwicklungshelfer aus Lahore, schreibt in seinem Blog: "Es ist kein Anspruchsdenken, wenn wir internationale Hilfe verlangen. Viele Jahrzehnte haben wir euer großes Spiel gespielt und eure Drecksarbeit gemacht."

Die Flutkatastrophe ist eine Gelegenheit, diese gescheiterte Politik aufzugeben. Wohl wahr: Die Wassermassen sind ohne unser Zutun über das Land gekommen. Doch Pakistans politisches Desaster, das die Flut jetzt nach oben spült, ist ohne die Jahrzehnte nicht zu verstehen, in denen das Land für uns Mittel zum Zweck war. Pakistan braucht einen neuen Deal mit der Welt. Denn: Ein Land ist keine Waffe. Und ein Mensch in Not ist ein Mensch in Not.

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