Die Idee verdankte sie ihrer Kosmetikerin. "Kleinigkeit", meinte die. Vor zwei Monaten wagte Susanne P. einen entscheidenden Schnitt. Die Unternehmerin aus Wien, verheiratet, sehr gepflegtes Äußeres, unterzog sich einer Schamlippenkorrektur. Die attraktive 46-Jährige ist stark gebräunt, trägt einen hellen Blazer und rosa Lippenstift. Sie wirkt selbstbewusst. Nur ihr Genital löste in ihr schon als Mädchen Zweifel aus. "Ich fand sie unästhetisch, ganz einfach hässlich", sagt Susanne P. über ihre Schamlippen.

Die Schönheitschirurgie hat sich ein neues Tätigkeitsfeld erschlossen – unter der Gürtellinie. An die Ordinationstüren plastischer Chirurgen klopfen Frauen mit neuartigen Wünschen: Fettabsaugung am Schamhügel, Vaginalverengung, Neupositionierung der Klitoris oder Wiederherstellung des Jungfernhäutchens. Der mit Abstand meistgehegte Wunsch ist aber die Verkleinerung der inneren Schamlippen (labia minora pudendi). Mitunter wird kombiniert, Frau P. ließ sich zusätzlich zur Schamlippenkorrektur den Venushügel aufpolstern. Der war ihr zu flach. Das Eigenfett dafür wurde neben ihrem Knie entnommen.

Immer schon kamen Menschen mit ästhetischen Anliegen in die Praxis von Wolfgang Metka am Wiener Opernring. Brustvergrößerungen, Straffung der Augenlider und Nasenkorrekturen sind seit 25 Jahren das Geschäft des plastischen Chirurgen. Neben den klassischen Wünschen hätten sich nun Anfragen für Schamlippenoperationen gehäuft, wundert sich Metka, der mit weißem Vollbart und weißem Kittel aussieht wie das Klischee des Fernsehdoktors, dem die Frauen vertrauen. "Eigentlich alle Frauen mit diesem Anliegen haben das Wunschbild, dass die inneren Schamlippen bei aufrechter Körperhaltung bedeckt und damit nicht sichtbar sind", berichtet der 65-Jährige, der als Grandseigneur seiner Zunft gilt.

Die Scham sei das zweite Gesicht der Frau, behauptet die Psychologin

Der stadtbekannte Wiener Schönheitschirurg Edvin Turkof hat in seiner 13-teiligen Buchreihe Enzyklopaedia Aesthetica der Schamlippe sogar einen eigenen Band gewidmet, inklusive zahlreicher Abbildungen, die das Vorher und Nachher zeigen. Die volle, pralle Form, die manch anderem weiblichen Körperteil als Ideal zugeschrieben wird, gilt für die Schamlippe offenbar nicht als schick. Metka: "Es gab Frauen, die baten: so klein wie möglich."

Schönheitschirurgie ist eine rasant wachsende Branche. Durch die Medien schwirrt die Zahl von jährlich 40000 korrigierenden Eingriffen, die in Österreich erfolgten. Das kann Maria Deutinger, Vizepräsidentin der Gesellschaft für plastische, ästhetische und rekonstruktive Chirurgie, nicht bestätigen. Niemand würde diese Operationen, die in Ordinationen und Privatspitälern durchgeführt werden, erfassen. Rückmeldungen von Ärzten ließen aber auf deutliche Zuwachsraten schließen – auch bei Schamlippenkorrekturen. In den USA stieg die Zahl der Labienverkleinerungen zwischen 2005 und 2006 um 30 Prozent. Deutinger ortet einen zweifelhaften Modetrend, der aus Amerika herüberschwappt.

Kritikern zum Trotz ist die Entwicklung weit gediehen. Warum immer mehr Frauen das Erscheinungsbild ihres Genitals chirurgisch verändern wollen, lässt sich wohl nur im Kontext des boomenden Schönheitsmarktes erklären. "Das Postulat der Schönheit hat sich nun auf den ganzen Körper ausgebreitet", meint Aglaja Stirn, Leiterin der Abteilung Psychosomatik an der Universitätsklinik Frankfurt: Die Scham sei das zweite Gesicht der Frau. Der ständig mit medial vermittelten Schönheitsidealen konfrontierte Mensch begreife sein Äußeres nicht mehr als feste Größe. Der Körper kann und darf verändert werden. Es gibt keine verbotene Zone: nun also auch das Genital.

Maßgeblich verantwortlich dafür sei die Intimrasur, auf die seit zehn Jahren vor allem jüngere Frauen nicht mehr verzichten wollen. Im Westen enthaaren Frauen ihre Scham immer konsequenter, mitunter auch nachhaltig mit Wachs oder Laser. Auch hierzu gibt es eine gegensätzliche Entwicklung: In Südkorea werden Transplantationen gegen schütteres Schamhaar durchgeführt. Zumindest in den USA und Europa scheint die Zeit, da Schamlippen von prächtigem Haarwuchs umstanden waren, weitgehend vorüber. Während das Internet die Schwelle zur Pornografie senkte, erweiterten auch Werbung und Lifestylemagazine ihr Repertoire an Wunschbildern um den kahl rasierten Schoß und suggerieren ein neues Ziel: straff und glatt. "Das Ideal ist die jugendliche Schamlippe, wie sie bei präpubertären Mädchen zu finden ist", merkt Stirn kritisch an.