Die Anfrage der ZEIT, ob ich interessiert sei, in diesem Sommer nach Bayreuth zu fahren und mir Richard Wagners Ring des Nibelungen anzusehen, löste zunächst Beklemmung aus – nicht weil ich von Musik nichts verstehe (ich kann nicht singen, keine Melodie halten, schon gar nicht tanzen), sondern weil zu dieser Einladung auch Eintrittskarten für Parsifal gehörten. Ich bin zwar ein großer Wagner-Fan, habe in New York und Wien Aufführungen der meisten anderen seiner Opern und den kompletten Ring wahrscheinlich sieben- oder achtmal gesehen. Aber um Parsifal habe ich, sicher aus emotionalen Gründen, immer einen Bogen gemacht. Die einmalige Chance, in Bayreuth den Ring zu erleben, weckte erwartungsvolle Vorfreude, doch mit Parsifal hatte ich meine Probleme. Wenn diese Oper so antisemitisch daherkäme wie in zahlreichen älteren Inszenierungen, was würde ich als Architekt des Berliner Holocaust-Mahnmals dann sagen? Könnte ich den antisemitischen Hintergrund ignorieren, die Schatten der nationalsozialistischen Vergangenheit im nahe gelegenen Nürnberg und im Festspielhaus einfach übersehen? Würde ich Unwissenheit oder Naivität reklamieren können? Kaum. Ein Glück, dass ich genau diese Bayreuther Parsifal- Produktion in der Regie von Stefan Herheim sehen durfte, denn sie brachte mich auf unerwartet neue Gedanken zu dem Stück.

Als Architekt sollte ich vielleicht zuallererst etwas zur Architektur des Festspielhauses sagen. Von außen macht es wenig her, in seiner Anlage wie in seinem heutigen Zustand. Der Innenraum mit den amphitheatralisch ansteigenden Sitzreihen, den doppelten Proszenien und dem abgedeckten Orchestergraben ist, für heutige Begriffe, recht simpel. Hans Scharouns Berliner Philharmonie und die Dresdner Semperoper sind viel eindrucksvoller. Mir ist klar, dass das Festspielhaus akustisch ideal auf Wagners Opern abgestimmt ist, aber wenn man von der Bühne nichts sieht, weil eine aufgetürmte Haarpracht vor einem sitzt und sich ständig hin und her bewegt, ist das Hörerlebnis etwas unvergnüglich.

Die Idee einer Opernaufführung ist sehr komplex. Einerseits ist sie nichts als singuläre Gegenwart. Andererseits baut sie auf einer lange zuvor komponierten Partitur auf, die Historie früherer Inszenierungen ist ihr eingeschrieben. Daraus erwächst Ambivalenz. Die Wagnerianer jedoch, die allsommerlich zu ihrem Bayreuther Walhall pilgern, um das heilige Ritual auf dem Grünen Hügel mitzuerleben, sehnen sich nach ungebrochener Originalität und, ja, auch nach Reinheit. Diese Puristen sind oft der Ansicht, die Wagner-Opern müssten streng nach den Vorstellungen des 19. Jahrhunderts aufgeführt werden. Als ob das möglich wäre. Jede Aufführung ist, wenn nicht original, so doch einzigartig. Welche der vielen Aufführungen ist dann bitte der Maßstab? Zum Glück vermittelte der diesjährige Ring nichts von jener sentimentalen Nostalgie, die derlei Purismus verlangt. Das heißt nicht, dass alles vollkommen gewesen wäre. Einige Bühneneffekte , wichtig für Handlung, Zeit und Raum, schienen leer und deplatziert, als sollten sie allein durch ihre Ungewöhnlichkeit wirken. Besonders unpassend erschien mir der Physiksaal im ersten Akt von Siegfried (ebenso der groteske Siegfried auf der Bärenjagd, der dann im Bärenfell durchs Fenster hereinsteigt). In besagtem Physiksaal soll Mime ein neues Schwert schmieden – eine Metallwerkstatt wäre vielleicht passender gewesen. In der Götterdämmerung stolperten die Rheintöchter vor einem hässlichen Kanalisationsrohr inmitten sinnloser Graffiti herum, was nur ablenkte. Doch alles in allem war der Ring sehr überzeugend. Weshalb sich mein kritischer Blick nunmehr auf den Parsifal richtet.

Kernidee des Wagnerschen Gesamtkunstwerks ist die Vorstellung, dass Text, Musik und Theater zu einem Ganzen verschmelzen. Dass ich früher immer einen großen Bogen um Parsifal gemacht habe, hatte wohl mit meiner Vermutung zu tun, ich würde an einem echten Ritual teilnehmen, einer romantisch-mittelalterlichen Erlösungsfeier und nicht an einer Theateraufführung. Wagners Verfügung, dass Parsifal nur in Bayreuth aufgeführt werden dürfe, hat meine Abneigung ebenfalls beeinflusst. Und was die Anklänge von Antisemitismus betrifft (von denen diese Inszenierung frei war), so weiß man, dass die Uraufführung des Parsifal von Hermann Levi dirigiert wurde, dem Sohn eines Rabbiners. Die Forderung der Wagners, sich taufen zu lassen (obwohl Wagner der Ansicht war, dass getaufte Juden sich nur umso mehr als Juden verstünden), wies Levi zurück. Mit diesen Überlegungen zu Wagners apodiktischem Antisemitismus, der im Parsifal, wie es heißt, seinen höchsten Ausdruck findet, begab ich mich zu meinem Platz.