Horst Reiter hat Schulhöfe bewacht, Fahrräder repariert, Mullbinden verpackt und ausgepackt – alles Ein-Euro-Jobs, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Die Chancen, irgendwann einmal eine richtige Anstellung zu bekommen, standen für den jungen Mann mit der Beinprothese nicht gut: Er hatte keine Ausbildung, gerade mal die Hauptschule gemacht, die höhere Handelsschule brach er ab, seine Klassenkameraden lernten schneller als er: "Da kam ich nicht mehr mit." Viele körperlich fordernde Jobs kann er aufgrund seiner Behinderung nicht machen.

Er hat es trotzdem geschafft. Heute arbeitet er im Callcenter bei dem Outdoor-Händler Globetrotter. Wenn Kunden Ware bestellen, ihre Adresse ändern wollen oder sich beschweren, ist Reiter am Telefon. "Reiter, Globetrotter, Sie wünschen?", spricht er dann mit fester Stimme in ein kleines Mikrofon. Geübt fliegen seine Finger über die Tasten, er tippt die Kundennummer ein. Nicht immer klang seine Ansage so flüssig: An seinen ersten Anrufer erinnert er sich noch genau. Daran, dass er nichts mehr wusste und nichts mehr sagen konnte: "Das totale Blackout." In dieser Situation stand ihm Sonja Winkler zur Seite. Sie arbeitet als Job-Coach bei der Hamburger Arbeitsassistenz und hat Reiter in seinen ersten Monaten bei Globetrotter unterstützt.

Die Hamburger Arbeitsassistenz und ihre Idee von "Unterstützter Beschäftigung" zeigt, wie sich Menschen mit Behinderungen in den regulären Arbeitsmarkt integrieren lassen. Das Konzept Unterstützte Beschäftigung kommt aus den USA: Menschen mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen sollen in den Unternehmen mit externer Unterstützung angelernt werden. Nach zwei bis drei Jahren soll der Arbeitnehmer mit Handicap selbstständig seine Arbeit ausführen können.

Die Frage, wie sich Menschen mit Behinderungen in den Arbeitsmarkt integrieren lassen, stellt sich seit dem Inkrafttreten der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung im Januar 2009 immer drängender. Was die Konvention mit "sozialer Inklusion" beschreibt und fordert, meint vor allem eines: die gleichberechtigte Teilhabe am sozialen und gesellschaftlichen Leben und damit auch eine Teilnahme am normalen Arbeitsleben. Bisher wurde ein Großteil der Menschen mit Handicaps in Werkstätten ausgebildet. Doch die Idee, dass durch die Arbeit in den Werkstätten die Arbeitnehmer auf den Joballtag in Betrieben vorbereitet würden, ging nicht auf: Gerade mal 0,3 Prozent schaffen es von der Werkstatt für Menschen mit Behinderung in ein reguläres Beschäftigungsverhältnis: "Das duale Prinzip der Berufsausbildung, das Lernen im Betrieb selber, ist auch für Menschen mit Behinderung sehr sinnvoll.

Die Arbeit im Unternehmen, der Umgang mit Kollegen, die Kommunikation mit Kunden – all das kann man nicht wirklich simulieren", sagt Achim Ciolek von der Hamburger Arbeitsassistenz. Er und seine Kollegen sind überzeugt: Durch ein training on the job kann man Menschen mit Handicap erfolgreicher qualifizieren. Über 700 von ihnen schafften es dank Ciolek und seinen Kollegen in ein normales Beschäftigungsverhältnis, seit der Integrationsfachdienst das Konzept im Jahr 1992 in die Realität umgesetzt hat. Letztendlich sei dies auch eine Kostenfrage: Pro Monat kostet die Unterbringung in einer Werkstatt zwischen 1300 und 1500 Euro. Gelingt es stattdessen, den Arbeitnehmer mit Handicap in ein reguläres Arbeitsverhältnis zu vermitteln – selbst wenn er dafür ein, zwei oder drei Jahre auf unterstützende Maßnahmen und individuelle Betreuung angewiesen ist – spart der Staat längerfristig das Geld für die Werkstatt. "Viele unserer Teilnehmer hatten vorher eine Werkstattempfehlung, heute arbeiten sie in einem ganz normalen Beschäftigungsverhältnis und kommen dann auch in der Regel ohne zusätzliche Unterstützung aus", sagt Ciolek. Auch die Unternehmen profitieren von den Mitarbeitern mit Behinderungen: "Das Betriebsklima wird besser, das Miteinander liebevoller", sagt Jawid Sultani von Globetrotter. Und letztendlich würden diese Mitarbeiter nach ihrer Einarbeitungsphase die gleiche Leistung bringen wie alle anderen.