DIE ZEIT: Frau Aeppli, konnten Sie während der Sommerferien darüber nachdenken, warum die Schule ein permanenter Unruheherd ist?

Regine Aeppli: Die Schule ist ein stabiler Tanker, kein Unruheherd. Gewisse Medien aber haben die Volksschule als Thema entdeckt. Mit 135.000 Volksschülern und 12.000 Lehrpersonen im Kanton Zürich gibt es täglich eine süffige Geschichte über eine Auseinandersetzung auf dem Pausenplatz, einen unzufriedenen Lehrer oder eine frustrierte Mutter. Ich aber treffe engagierte Lehrpersonen und aufgeweckte Kinder. Wir müssen der Schule Sorge tragen, denn sie ist praktisch die letzte Klammer unserer Gesellschaft.

ZEIT: Tatsache ist, dass viele Kinder, Lehrer und Eltern eine permanente Unruhe empfinden. Wie viel Schuld haben Sie an dieser Unruhe?

Aeppli: Das neue Volksschulgesetz im Kanton wurde in einer Volksabstimmung von über 70 Prozent der Stimmberechtigten angenommen. Auch die Lehrerschaft sprach sich dafür aus. Einige Reformelemente haben einen Kulturwandel zur Folge, und das braucht seine Zeit. Ich habe vor einem Jahr eine Bestandsaufnahme über die Belastungen im Schulfeld in Auftrag gegeben. Im September werde ich mit den Vertretern von Schulen und Schulbehörden Ergebnisse und Maßnahmen vorstellen. Die Volksschule braucht jetzt eine Phase der Konsolidierung.

ZEIT: Viele haben den Eindruck, die Schule funktioniere nicht mehr so gut, gerade wegen all der Reformen. Wäre es nicht Ihre Aufgabe gewesen, die Schule vor Reformen zu schützen?

Aeppli: Die Gesellschaft hat sich stark verändert. Die traditionelle Familie mit dem Vater als Ernährer und der Mutter als Hausfrau existiert nicht mehr, die Ansprüche der Eltern sind gewachsen. Die Schule verfügt nicht mehr über ein Wissensmonopol. Da kann sie nicht stehen bleiben. Aber Tanker sind nicht einfach von der Route abzubringen, und das hat seine Vor- und Nachteile. Bildungsdirektor Alfred Gilgen hat schon vor 35 Jahren versucht, die Oberstufe zu reformieren; er ist am Widerstand der Oberstufenlehrer gescheitert. Mein Vorgänger Ernst Buschor hat die Schulstrukturen an der Oberstufe dereguliert – mit dem Resultat, dass wir jetzt eine große Auswahl von Modellen haben, was die Vergleichbarkeit der Leistungen erschwert. Ich setze bei den Inhalten und Instrumenten statt bei den Strukturen an.

ZEIT: Sie haben die Grundstufe, die integrative Förderung, die zentrale Aufnahmeprüfung, Intelligenztests eingeführt – um nur einige Reformen zu nennen. War das ein bisschen viel?

Aeppli: Die Grundstufe wurde als Versuch eingeführt. Die Schulen, die am Versuch beteiligt sind, und die Eltern der Grundstufenkinder möchten nicht mehr zurück zum traditionellen Kindergarten. Vor Kurzem wurde eine Volksinitiative eingereicht, die verlangt, dass die Grundstufe flächendeckend eingeführt wird. Was am Ende herauskommt, kann ich noch nicht sagen. Die integrative Förderung ist etwas sehr Anspruchsvolles. Etwa die Hälfte unserer Schulgemeinden praktiziert sie schon seit über zehn Jahren. Es ist also nicht unmöglich, aber auch nicht immer das Richtige. Die Zentralisierung der Aufnahmeprüfung für die Gymnasien war eine Maßnahme, die in anderen Kantonen längst Praxis ist. Es ist weniger aufwendig, wenn nicht jede Schule Jahr für Jahr ihre eigenen Prüfungen macht. Mit dem allgemeinen Kognitionstest wollten wir das Potenzial der Kinder aus sogenannten bildungsfernen Schichten erfassen. Er hat uns aber keine neuen Erkenntnisse geliefert. Deshalb machen wir ihn nicht mehr.

ZEIT: Sollten Sie sich nicht aufs Wesentliche konzentrieren?

Aeppli: Was ist denn für Sie das Wesentliche?

ZEIT: Die Besten als Lehrer zu bekommen und ihre Löhne drastisch zu erhöhen.

Aeppli: Löhne im öffentlichen Sektor müssen anders als in der Privatwirtschaft demokratisch ausgehandelt werden. Wie viel Geld man für die civil servants einsetzt, entscheidet die Politik, also das Parlament, das den Steuerfuß festlegt. Ich darf aber darauf hinweisen, dass der Regierungsrat vor Kurzem eine Lohnrevision für das Lehrpersonal beschlossen hat. Danach liegt der Anfangslohn einer Lehrperson bei 90.000 Franken und nicht mehr bei 80.000.