Da lag es, das Böse. Im saftigen Gras der Walliser Alp Scex, 2000 Meter über Meer. Die Augen und das Maul mit den kräftigen Reißzähnen halb offen, das Fell rund um das Einschussloch hinter dem linken Vorderbein rot verfärbt. Ein Wolf. Mehrere Schafe und zwei Rinder soll er im Juli gerissen haben. Das Böse ging um im Wallis, und das Böse musste weg.

Am 3. August 2010 ordnete Staatsrat Jacques Melly den Abschuss im Gebiet Montana-Varneralp an. Acht Tage später meldete der Kanton: "Am frühen Morgen des 11. August wurde auf der Alp Scex ein männlicher Wolf erlegt." Die Nachricht war kaum erschienen, da kochten in den Onlinekommentaren schon die Emotionen über: "Hurra, der Wolf ist tot!" – "Gratuliere dem Schützen! Die linken und grünen Wolfsfreunde sollen für den Schaden dieser Viecher aufkommen." Und: "Keine Ferien im Wallis machen, keine Produkte aus dem Wallis kaufen!" – "Gegen außen geben sie sich als Heidiland, in Wirklichkeit sind es die schlimmsten Tierquäler der Schweiz."

Für Roberto Schmidt, Gemeindepräsident von Leuk und CVP-Nationalrat, ist jeder Wolf einer zu viel. Drei Motionen hat er im Nationalrat eingereicht, um diesen Raubtieren den Garaus zu machen. Eine zur Änderung der Jagdverordnung, eine zur Abklärung, auf welchen Alpen der Herdenschutz nicht möglich sei, und eine zur Rückstufung des Wolfsschutzes in der Berner Konvention, dem "Übereinkommen über die Erhaltung der europäischen wildlebenden Pflanzen und Tiere und ihrer natürlichen Lebensräume" von 1979, das die Schweiz unterschrieben hat.

"Der Wolf ist kein gefährdetes Tier mehr", sagt Schmidt. "Deshalb soll er nicht mehr unter ›streng geschützt‹ aufgelistet sein." Er zieht Bilder aus einer Mappe. Sie zeigen Schafe mit abgerissenen Hinterkeulen und aufgeschlitzten Kehlen. "Sehen Sie, wie qualvoll diese Tiere sterben mussten?", ruft er. "Artenschutz darf nicht wichtiger sein als Tierschutz." Dann nimmt er Leserbriefe hervor, die den Wolf zur Hölle wünschen und ihm, Schmidt, zu seinen feurigen Artikeln im Walliser Boten und zu seiner Aussage "Heute die Rinder, morgen die Kinder!" im Schweizer Fernsehen gratulieren. "Wenn das so weitergeht, wird das Wandern im Wallis bald gefährlich sein."

Es ist Mittag, die Sonne brennt heiß vom Himmel, der Interregio verlässt Leuk in Richtung Unterwallis. Dort, zur Rechten, oberhalb von Siders, liegen die beiden Alpen, auf denen das Böse zugeschlagen hatte. Wo Tage später sechs Wildhüter mit der Flinte lauerten, während gleichzeitig Naturschützer Gleichgesinnte dazu aufriefen, Wanderungen zu unternehmen, um den Wolf aus dem Abschussgebiet zu vertreiben. Jetzt, nachdem er erlegt ist, spekuliert man, dass ein anderer Wolf, ein Weibchen, noch immer umherstreife. Es könnte Junge haben oder demnächst werfen.

Anruf von Ralph Manz, Geschäftsführer WWF Oberwallis. Die Stimmung im Kanton sei dermaßen aufgeheizt, dass er sich überlege, das geplante Interview abzusagen. Schließlich sei vor Jahren ein WWF-Mitarbeiter verprügelt worden. Er hält inne. "Aber eigentlich ist es genau jetzt wichtig, sachlich und fundiert zu informieren", sagt er dann. "Kommen Sie um 17 Uhr in mein Büro nach Brig."

Doch zuerst geht die Reise nach St. Maurice, ins Collège de l’Abbaye. Der Biologielehrer des klösterlichen Gymnasiums hatte den Kanton einst gebeten, ein präpariertes Wolfsexemplar aus der Region in die naturhistorische Sammlung aufnehmen zu dürfen. Der Gefürchtete, erlegt vor einem Jahr, am 20. August 2009, liegt in einer stattlichen Vitrine. Zierlich ist er, den schmalen Kopf mit den gelben Augen auf seine Betrachter gerichtet, seine Pfoten kräftig, das grau-braune Fell über dem Rücken dunkel und um den Hals weiß.

Von Italien oder Frankreich her eingewandert, ein Laufraubtier, das Spitzengeschwindigkeiten von 50 Stundenkilometern erreicht, seine Beute bei idealem Wind auf 270 Meter riechen und auf seinen nächtlichen Streifzügen 60 Kilometer weit laufen kann. Ein gutes Dutzend Schafe soll dieser Wolf von Mitte Mai bis Mitte Juni 2009 in der Nähe der Dörfer des Val d’Illiez gerissen haben. Einen Tag nach dem Alpaufzug soll er sechs weitere genommen, wieder und wieder Schafe angefallen haben, den ganzen Juli lang. Bis er erlegt war.