Mit brutalen Mittel modernisieren die Japaner das Land

So war der Annexionsvertrag vom 22. August 1910, dem die Absetzung Kaiser Sunjongs sieben Tage später folgte, nur noch der Gnadenstoß. Artikel 1 zwang den Kaiser zur "vollständigen und permanenten Abtretung aller Souveränitätsrechte" an den Tenno. Japans Generalresident wurde Generalgouverneur. Eilig stockte die Kolonialmacht ihr Militär auf. Die 20. Divison, die 40. Brigade und das 79. Regiment wurden in Yongsang, damals noch außerhalb Seouls, stationiert. Heute liegt Yongsang im Zentrum der Millionenmetropole als verbotene Stadt: Sie ist der größte Standort der US-Streitkräfte in Korea, seit diese dessen Südhälfte nach Kriegsende besetzten.

In der ersten Phase praktizierte das Kolonialregime eine brutale Militärpolitik. Gendarmen in schwarzen Mänteln kassierten Oppositionelle und "halfen" beim "Einbringen" der ständig gesteigerten Reisexporte für Japan. In dieser Lage erreichte der Aufruf von US-Präsident Woodrow Wilson zur Selbstbestimmung der Völker gegen Ende des Ersten Weltkriegs nicht nur Europa, sondern auch Korea.

Am 1. März 1919 gaben in Seoul 33 Patrioten eine Unabhängigkeitserklärung bekannt. Wenig später zogen Hunderttausende mit Nationalfahnen und dem Ruf "tongnip manse!" (Lang lebe Koreas Unabhängigkeit!) durch Koreas Städte. Die Demonstranten wurden mit Kugelhageln empfangen. Nach japanischen Unterlagen fanden mehr als 7500 Bürger den Tod.

Den Gewaltorgien folgte die zweite Phase der Kolonialisierung. Japan ersetzte die Militärherrschaft (budan seiji) durch eine zivil-kulturelle Herrschaft (bunka seiji). Sie sollte den Widerstand abbauen und die Elite zur Teilnahme am kolonialen Leben ermutigen. Koreanische Zeitungen wurden ebenso wieder zugelassen wie akademische, studentische, bürgerliche Vereinigungen. Japans langfristiges Ziel war es, das Nachbarland zu assimilieren.

Doch nicht nur das: Es sollte bald auch als logistische Basis für den Aggressionskrieg gegen den asiatischen Kontinent missbraucht werden. In dieser dritten Phase beschleunigte Tokyo seine Kapitalinvestitionen in Korea. Die Kolonie musste Munition produzieren für die Invasion Chinas 1937. Schon von 1930 an forcierte die Kolonialmacht den Japanischunterricht an den Schulen. Der Ausbau der Kriegsindustrie verlangte nach Arbeitern, die Japanisch verstanden. 1938 wurde die koreanische Sprache von allen höheren Schulen verbannt.

Das schlimmste Kapitel für die Kolonie begann am 8. Dezember 1941, als Japan mit dem Angriff auf die US-Basis Pearl Harbor eine neue Front im Pazifik eröffnete. Von 1942 an wurden die koreanischen Arbeiterheere nur noch hin- und hergeschoben, ganz nach dem Bedarf der Generalmobilmachung. Gegen Ende des Krieges stellten Koreaner ein Drittel der industriellen Arbeitskraft Japans. 136.000 schufteten im technisch maroden Bergbau, darunter auch Frauen. Doch selbst ihnen war das Schicksal noch gnädig.

Vor wenigen Monaten traf ich in Seoul wieder "Großmutter" Won Ok-gil, wie immer gegenüber der japanischen Botschaft. Stets barhäuptig – so kann jeder die Narbe sehen, die sich über ihren Scheitel zieht. Ein japanischer Soldat war mit dem Säbel im Futteral auf die 16-Jährige losgegangen, weil sie ihm nicht mehr zu Willen sein konnte. Sie hatte an jenem Tag schon so viele Männer abfertigen müssen, dass sie blutete. Auch in diesem "Jahr der Schande" protestiert die 83-Jährige wieder, gemeinsam mit fünf Altersgefährtinnen. Auf ihren gelben Umhängen steht: "Ehre und Menschenrechte für die Trostfrauen".

Die sechs Überlebenden erinnern an die 200.000 Frauen und Mädchen, die Tokyos Heeresministerium von 1938 an aus den Dörfern und Schulen in rund 2000 Militärbordelle der von Japan besetzten Gebiete Asiens verschleppen ließ, elf, zwölf Jahre die Jüngsten. Nicht wenige wurden zu Tode vergewaltigt, infiziert, exekutiert oder nahmen sich selbst das Leben. Nach der Kapitulation ließen die Japaner viele dieser Ärmsten wie zerstörtes Kriegsmaterial an der Front zurück.

Die Heimkehrerinnen fanden sich begraben im Schweigen ihrer verschämten Familien. 1992 fassten sie den Mut, selbst an die Öffentlichkeit zu gehen. Seither treffen sich die letzten noch lebenden Opfer jeden Mittwoch vor Japans Botschaft. Aus dem dann verbarrikadierten Klotz ist noch nie ein Wort gekommen. Auch Japans Premier Naoto Kan lehnte in der vergangenen Woche trotz seiner viel beachteten Entschuldigung für die Kolonialisierung Koreas wieder jede Entschädigung für "einzelne Opfer" ab.