Wenn die Sonne der Kultur tief steht, werfen auch Zwerge Schatten. Während in Wittenberg die Denkmale von Luther und Melanchthon restauriert werden, sollen Lutherzwerge die Stadt beleben. Ein Heer von ein Meter hohen Lutherfiguren in Schwarz, Rot, Blau, Grün ist auf dem Markt aufmarschiert und erinnert an die chinesische Terrakottaarmee. 800 Exemplare, die offiziell Lutherbotschafter heißen – käuflich für 250 Euro. Schadows Skulptur wurde verkleinert, geklont und aufgereiht. Touristisches Fotomotiv und Spielspaß für Kinder. Was als Kunst firmiert, ist für mich Verkitschung des öffentlichen Raums "im Zeitalter der Reproduzierbarkeit". Wer den Reformator so auf die Straße stellt, bringt die Reformation auf den Hund. Das ist Zwergwerk von Wittenberg. PR statt Idee. Hier stehe ich! Nur: wofür? Wer denkt, er könne hier die Botschaft erwerben, unterliegt dem Prinzip des Ablasshandels. Alles ist käuflich.

Ich schlage vor, jeder Lutherzwerg bekommt einen Schädelschlitz. "Wenn das Geld im Köpfchen klingt, Luther aus dem Zwerglein springt." Wirft man 50 Cent rein, predigt er gegen die Vogelfänger. Wirft man einen Euro rein, so liest er einen lieben Brief an Herrn Käthe. Für zwei Euro wütet er gegen Papst, Juden und Türken. Für zehn Euro hört man ein Gleichnis auf unsere Gegenwart: "Wer hat, dem wird gegeben. Und wer nicht hat, dem wird auch noch genommen, was er hat." Wer gar 50 Euro zu berappen bereit ist, für den singt Luther "Die Zwerg’ sie sollen lassen stah’n und kein’ Dank dazu haben…" Jeder vierte der putzigen Lutherlein ist rot, die Scham des großen Mannes andeutend über seine eigene erschröckliche Wirkung.

Deprimiert schaut er drein; aus so einem traurigen Zwerg kommt kein fröhlicher Furz. Heinrich Heine dozierte einst, Luther sei ein Riese und wir Zwerge würden uns draufsetzen. Jetzt tut’s der Aktionskünstler Ottmar Hörl, angeregt vom Lutherdekadenbeauftragten Stephan Dorgerloh. Hörl hat schon Erfahrung mit Dürer-Hasen, Wagner-Hunden und Zwerg-Hitlern. Jetzt also Luther. O du armer Reformator, längst zerrieben zwischen heroisierendem Kult, politischer Instrumentalisierung und Schmähung. Nun verrummelte Vermarktung!

Ich rede als einer, der Luther schätzt, ihn weder hochjubeln noch vom Sockel stoßen will. Luther selbst war ja strikt gegen den Kult um ihn. Heilige gibt es nicht, nur geheiligte, in ihrer Niedrigkeit gewürdigte, aufgerichtete und aufrichtende Menschen. Wir werden als Personen nicht angesehen, weil wir liebenswert sind, sondern sind liebenswert, weil wir angesehen werden.

Gegen Ablasshandel half noch Thesenanschlag. Gegen Kulturmarketing hilft nicht einmal Beten. Ach, verehrter Bruder Martinus, du "alter stinkender Madensack", du frommer, mutiger, begnadeter Prediger, du anrührender Beter und maßlos Schimpfender, hilf mir schimpfen!

Friedrich Schorlemmer, 66, ist evangelischer Theologe und Bürgerrechtler. Zuletzt erschien von ihm "Wohl dem, der Heimat hat" und "Tritt fassen. 52 Wochensprüche". Jetzt kommen seine Gespräche mit Zeitgenossen unter dem Titel "Die Wahrheit zu zweit" heraus