"Das ist der Hammer!", ruft Miriam, als sie aus dem Haus ihrer Eltern in die Sonne tritt.

In der Hamburger Vorstadt Schenefeld, kurz vor Pinneberg in Schleswig-Holstein, sind Sommerferien. Schäfchenwolken stehen regungslos über Mövenpickfahnen, Hagebuttenbüsche vor Pferdeweiden, Gartenzwerge vor Baumärkten. Idylle und Langeweile sind eins. Außer man ist hier 18. Und alles ist neu.

Für Miriam ist dieser Donnerstag der Tag eins. Heute darf sie Auto fahren. Und zwar zum ersten Mal allein.

"Der Hammer", steht in der stillen Hitze vor dem Reihenhaus, im Schatten unter den Kirschbäumen. Der dunkelblaue Golf ihres Vaters. Ihr "Daddy", sagt Miriam, habe ihn dort gestern nach der Arbeit geparkt. Gestern. Also in einer anderen Zeit.

Entschlossen klettert das Mädchen auf den Fahrersitz. Die hellrosa lackierten Fingernägel finden den Knopf in der Fahrertür. "Ich bin so ein Fensteraufmachmensch", die vorderen zwei Fenster fahren gleichzeitig hinunter.

Bei den Schritten der Vorbereitung, x-mal unter genauester Beobachtung des Fahrlehrers absolviert, scheint kein Griff Zufall zu sein. Kritische Testblicke in sämtliche Spiegel. "Blubb – feddich." Lässig pustet Miriam sich eine blonde Haarsträhne aus der Stirn. Der Motor springt an.

"Gute Fahrt wünscht Fahrschule Boom" steht auf der schwarzen Hülle, die den erst vor einigen Stunden ausgestellten Führerschein schützt. Er liegt auf dem Armaturenbrett. Die in runder Mädchenschreibschrift gemalte, bislang wichtigste Unterschrift der ersten 18 Jahre begleitet die erste Fahrt.

Der Motor springt an, und der Wagen rollt im Schritttempo durch die Ausfahrt. Miriams Nase ist dicht ans Lenkrad gepresst, beide Hände umklammern das Steuer. Ein Blick links, ein Blick rechts, noch einer links. Butterweich gleitet das Auto auf die rechte Spur.

"Tadaa!"

Die Straße. Das Mädchen. Der Hammer.

 

Es geht hundert Meter geradeaus, kein Auto weit und breit. Freiheit? "Hmm, weiß nich. Axel fehlt, das ist merkwürdig."

Axel, das ist der Fahrlehrer. Das war der Fahrlehrer. Die erste kleine Kurve, "määääääum", rechts herum. Gegen Fahrschullehrerphantomschmerz hilft nur das Selbstgespräch. "30er Zone, och, wie süß!" Miriam fährt 28. Alle paar Meter eine Schwelle, die die Langsamkeit weiter, ins Unerträgliche, verlangsamt, in guter Voraussicht immer schon einen Meter vorher.

Auf der Franzosenkoppel, der ersten großen Straße, kommt Gegenverkehr. Gleich ein Bus. Miriam wartet hinter geparkten Autos. Ein kurzer kollegialer Blick zwischen Miriam und dem Busfahrer.

Zone 50. Alle Ampeln sind grün. Die cremefarbenen Ballerinas drücken mutiger in die Pedale. Ein bisschen Fliehkraft für die nächste Kurve. Radio Energy übernimmt die Vertonung. Alors, on danse, Miriam nickt zum Beat.