Warum denken eigentlich immer alle, dass es so irre toll ist, erwachsen zu werden? Als wäre die Kindheit so scheußlich, dass man sie nicht schnell genug hinter sich lassen kann. Sicher freut man sich auf die Freiheiten, die man ab 18 hat. Aber bei vielen schwingen auch Ängste mit. So wie bei mir.

Schon früh habe ich den Druck gespürt, der Kinder beim Erwachsenwerden dauernd begleitet. Und das ging nicht nur mir so. Jede Zeugnisvergabe löste Schweißausbrüche und Beinahe-Ohnmachten in unserer Klasse aus. Jeder im Klassenzimmer verarbeitete die Aufregung und die Angst anders. Während manche Kinder an den Fingernägel knabberten, wurden andere auf einmal ganz ruhig, einige aggressiv. Die meisten meiner Mitschüler hatten Leistungsdruck ähnlich früh wie ich kennengelernt: Da war die erste verhöhnte Drei in Mathe, die nicht ergatterte Schwimmmedaille.

Doch das war nichts gegen den Druck, den ich mit zwölf kennenlernte. Es hatte etwas mit dem Abschied von meinem Pferdepulli zu tun. Dunkelblau war er, mit lauter Pferden drauf. Die Ära dieses Pullis war die Ära meiner Kindheit.

Die anderen aus meiner Klasse hatten einfach entschieden, dass jetzt Schluss sein soll mit dem Kinderkram, und es war nun an der Zeit, cool und begehrenswert, sofern eine Zwölfjährige das sein kann, zu wirken. Der kleine, unsichere Zipfel, der ich war, wusste, wann der Moment gekommen ist, sich der Masse zu beugen, und so sollte ich mit meinem Pferdepulli auch meine Kindheit abstreifen. Aus Puppenspielen wurde das Rauchen der ersten Zigarette, und aus Pferdepulli auch hier und da ein bauchfreies Top.

Eigentlich fand ich Kinderspielzeug weder öde noch uncool, doch wer ist immun gegen das Ausschlussverfahren einer Schulklasse?

Damals lernte ich also erstmals den Einfluss meiner Mitmenschen auf mein Aussehen kennen. Das zwingende Gefühl, dieses und jenes Kleidungsstück tragen zu müssen, bin ich nie losgeworden, der Druck blieb, verstärkt durch die allgegenwärtigen Medien, das erste Modemagazin wurde gekauft, und MTV lief ununterbrochen.

Jetzt bin ich 18. Mein Pferdepulli ist genauso passé wie die erste Zigarette und der erste Schluck Alcopop, aber den Druck wurde ich nicht los, bis heute spüre ich ihn. Auch wenn ich inzwischen weiß, was ich tragen möchte und was mir gefällt– und nicht den anderen.