Endlich kann man ins Solarium gehen, zum Beispiel.

Man vergisst ja oft, wie groß das Leben über Nacht werden kann, wie viele Möglichkeiten plötzlich da sind, wenn man 18 wird, genauer: wenn man das 18. Lebensjahr vollendet hat. Wer 18 ist, kann Schnaps kaufen, und er kann in der Öffentlichkeit rauchen, und wenn er will, kann er in ein Spielkasino gehen und alles auf Rot setzen. Er kann einen Waffenschein machen und so lange ausgehen, wie er will. Er kann den Bundestag wählen, heiraten, Verträge unterschreiben. Juristisch gilt ein 18-Jähriger als erwachsen, strafrechtlich bleibt er bis zu seinem 21. Geburtstag ein Heranwachsender – und das ist vielleicht die bürokratischste und gleichzeitig die poetischste Beschreibung des Lebensabschnitts, in den ein 18-Jähriger eintritt.

Ein Heranwachsender. Das klingt ein wenig nach "heranführen", nach einem vorsichtigen Rantasten an etwas, das in den Jahren der Pubertät, als man alles wollte und nichts durfte, eher ein Sehnsuchtsort war als ein Alter: das Erwachsensein.

Man vergisst das ja manchmal. Man vergisst es deshalb, weil 18-Jährige andere Sehnsüchte befriedigen müssen – nicht ihre eigenen, sondern unsere. Die Zahl 18 ist ein Symbol, die 18-Jährigen selbst sind Symbole, sie stehen für vieles, selten aber stehen sie für sich.

Anfang des Jahres beherrschte Helene Hegemann weite Teile des deutschen Feuilletons. Sie war 17 und hatte einen Roman geschrieben, er hieß Axolotl Roadkill, und vor allem ältere Männer mochten das Buch und die Vorstellung, dass ein 17-jähriges Mädchen es geschrieben hatte , denn das Buch war krass, an vielen Stellen drastisch. Eine 18Jährige Praktikantin unserer Redaktion bekam das Buch von ihrem Vater geschenkt, sie fing an zu lesen, hörte schnell wieder auf und sagte zu ihrem Vater: "Weißt du eigentlich, was du mir da gegeben hast?"

Viele haben es ein wenig übertrieben, als sie wochenlang über Hegemann, ihr Buch, die Plagiatsvorwürfe und ihren Vater (den Theatermacher Carl Hegemann) diskutierten. Und vielleicht hat es auch Helene Hegemann übertrieben, als sie aus ihrem 18. Geburtstag einen Medienevent in einem Berliner Club machte. Hegemann bekam Drohungen von Menschen, die sie und das Buch abscheulich fanden. Das ZEITmagazin brachte in jenen Tagen ein Porträt, Jana Simon schrieb darin : "Helene ist ein Mädchen, dem Erwachsene gerne gefallen wollen. In ihrer Nähe fühlen sie sich hip. Ein Teenager, der klüger ist als die meisten Dreißigjährigen – ein bisschen schräg, aber irgendwie cool."

Ein Teenager. Das ist man auch, wenn man 18 Jahre alt wird, man ist auch mit 19 noch ein Teenager – das klingt anders als "volljährig" und als "erwachsen", es klingt nach heimlich rauchen im Park und knutschen in einer Disco. Es klingt nach Liebeskummer und Größenwahn, nach Weltschmerz und Verstandenwerdenwollen, und vielleicht ist 18 deshalb auch das zerrissenste Alter, in dem man sein kann.