Als die 475 Tage im Jugendgefängnis vorüber sind, steuert Marc Krüger (alle Namen geändert) die Theke einer Bremer Großraumdisco an und trinkt zehn Tequila. Eigentlich wollte er doch Ordnung in seine Gedanken bringen. Die Enge der Zelle hat er hinter sich gelassen, die Schläge, die ihm verpasst wurden, weil andere, ältere Häftlinge ihm zeigen wollten, wer stärker ist. Einmal hat ihm ein Zellennachbar ein Vorhängeschloss, das in eine Socke eingewickelt war, gegen den Kopf geschleudert. Die Platzwunde musste mit fünf Stichen genäht werden.

"Bevor das Leben schön wird, muss es erst mal scheiße sein", sagt er.

Mit 18, so denken Erwachsene oft, startet das Leben für alle mehr oder weniger bei null. Wie denkt einer wie Marc, der bei minus zehn startet, über das Leben, das vor ihm liegt?

"Seit ich aus dem Gefängnis raus bin, richte ich den Blick in die Zukunft." Das klingt sehr pflichtschuldig, aber tatsächlich sind seine Vorstellungen recht präzise, vielleicht sogar präziser als die seiner Altersgenossen vom Gymnasium, für die er, wie er sagt, "das letzte Gesocks" sei. Während Abiturienten noch zwischen Weltreise, Studium oder sozialem Jahr abwägen, weiß Marc bereits, was er will: eine Lehre als Einzelhandelskaufmann machen. Und nicht irgendwo. Marc will in einem Modegeschäft arbeiten. Er selbst sieht jetzt nicht unbedingt aus wie ein Dressman, trägt ein eher schlichtes Outfit – Baggy Pants, schwarzes T-Shirt und weiße Turnschuhe. Als er noch 13 Jahre alt war, ist er seinen Kumpels aber einmal im Jackett begegnet. Seither nennen sie ihn "Don", weil er wie ein gediegener Mafioso aussah. Marc wusste von da an um die Wirkung von Mode. "Es ist heftig, was Klamotten für eine Kraft haben", sagt er.

"Dankbar" sei er im Nachhinein für die Haft, sagt er heute, neun Monate nach der Entlassung und mittlerweile 18 Jahre alt. Marc hat im Gefängnis den Hauptschulabschluss gemacht, in Deutsch eine Zwei, in Mathe eine Eins. Er sagt, er fühle sich gereift. Seine Betreuerin von einer Bremer Jugendhilfeeinrichtung sagt, er sei "viel erwachsener als Gleichaltrige". Marc selbst betrachtet den Gefängnisaufenthalt als Martyrium, das er durchleiden musste, um wieder auf die richtige Spur zu geraten.

Marc hat Menschen mit voller Wucht ins Gesicht geschlagen, immer wieder kam das vor. Er hat versucht, ein Auto zu klauen, angeblich, um aus seiner Wohngruppe zu flüchten, in die er mittlerweile gezogen war als "Inten- sivtäter". Damals verurteilten ihn die Richter auf Bewährung, weil sie ihm eine Chance geben wollten. Er verspielte sie im Sommer 2008. Er stritt sich mit einem Jungen und schlug wieder zu. Die Richterin griff zum letzten Mittel – einer Haftstrafe für ihn, der damals erst 16 war.

Mit dünner Stimme erzählt er von seinen Gewaltausbrüchen: "Wenn einer mich blöd angequatscht hat, wollte ich ihm meine Eier zeigen. Im Nachhinein hat’s mir immer leidgetan." Er erinnert sich nicht gern an seine Kontrollverluste. Er will sie vergessen wie einen schlechten Horrorfilm.