Lesen und lesen ist zweierlei. Das heißt: Es ist einerseits eine Kulturtechnik, die Erstklässler nach einem Jahr halbwegs draufhaben. Lesen ist andererseits eine Erfahrungsweise, die kennenlernt, wer die Technik mit etwas Ausdauer anwendet. Denn um zu erleben, wie das Gelesene sich im eigenen Kopf weiter entwickelt, braucht es eine bestimmte Lesestrecke. Nach wie vor eignen sich dafür Bücher am besten. Das hat nichts mit oberlehrerhafter Bildungsmoral zu tun. Das ist eine Tatsache.

Sie lässt sich einfach an der Lektüre eines Buches überprüfen, in dem nur Sachen stehen, die man schon mal gelesen hat. Aber eben nicht in einem Zug, sondern in kleinen Portionen in Illustrierten. Andrew Mortons Biografie über Angelina Jolie eignet sich für das Experiment sehr gut. Denn in diesem Buch steht wirklich gar nichts, was aus dem Leben der atemberaubend attraktiven, abenteuerlustigen, adoptionsfreudigen US-Schauspielerin nicht bekannt wäre. Allein deshalb, weil Angelina Jolie nie geizte mit Auskünften über problematische Kindheit, Drogenabhängigkeit, Magersucht, Faible für Tattoos, Liebhaber und Liebhaberinnen, Engagement in Entwicklungsländern, Kindersippe und natürlich Filme. Sie versorgt uns verlässlich alle paar Wochen mit einer Neuigkeit und ist, seit es Lady Di nicht mehr gibt, die Frau mit den meisten Schlagzeilen auf den meisten Zeitschriftencovern. Man musste den Eindruck gewinnen: Im Leben von Angelina Jolie ist der Bär los. Die Frau lebt so schnell, so einfallsreich, so forciert, dass sie sich selbst immer schon zwei Schritte voraus ist. Gestern noch Männermörderin, heute schon Muttertier.

Das Seltsame ist nun, wie anders das alles wirkt, wenn man es über 478 Buchseiten hin als Gesamtschau geboten bekommt. Man merkt plötzlich: Die Frau ist sich keineswegs immer zwei Schritte voraus. Die lebt im Gegenteil allem hinterher, was es in der Geschichte extrovertierter Divenhaftigkeit schon gegeben hat. Die absolviert ein Pensum, das sich aus Josephine Baker, Rita Hayworth, Kate Moss und Mia Farrow zusammensetzt. Man wird müde beim Lesen. Hier das Heroin, dort die Liebschaft mit Mick Jagger, dazwischen Auftritt beim Weltwirtschaftsgipfel, dann das Rumgereise mit Brad Pitt. Ab Seite 300 hat man für Nachrichten aus der Welt der Fesselspiele und der luststeigernden Würgetechniken einfach keine Verwendung mehr.

Man schaut aus dem Buch auf und denkt: Kann da nicht mal was Neues passieren? Gibt es nicht eine interessantere Idee für das Leben einer Glamourfrau? Uma Thurman, sexy, sophisticated und gelassen, zeigt doch, wie es gehen kann, als Gesicht des Weltkinos und der Massenmedien präsent zu sein und doch einigermaßen diskret die Kinder aufzuziehen. So denkt man, weil man ein paar Stunden mit dem Buch verbracht hat. Nach ein paar Minuten denkt man so noch nicht.