Der alte Kontinent Europa liegt heute zwischen Wünschen, Ängsten und Wirklichkeit. Seit etwa zehn Jahren macht in der Geschichtswissenschaft das Wort von der "Provinzialisierung Europas" die Runde. Oft wird es so verstanden, als sollte der Kontinent gegenüber den aufstrebenden Regionen Amerikas und Asiens an den Rand gedrängt werden. Dipesh Chakrabarty, der Historiker von der Universität Chicago, der das Stichwort von Europa als Provinz gegeben hat, wollte aber nur darauf hinweisen, dass in einer globalisierten Welt auch die Geschichte Europas als eine unter zahlreichen Historien von Provinzen zu behandeln sei.

Der in Oxford lehrende Historiker John Darwin fühlt sich nun in seinem Werk Der imperiale Traum ganz dieser Aufgabe verpflichtet. Er wendet sich gegen die These einer kontinuierlich zunehmenden Dominanz Europas seit dem Beginn des Expansionszeitalters im 16. Jahrhundert. Damit relativiert er die oft etwas selbstverliebte Einschätzung des "Westens" als geschichtlicher Avantgarde-Region. Von dem Verdikt, die europäische Überlegenheit begründet und als unvermeidlich beschrieben zu haben, nimmt John Darwin weder Adam Smith noch Karl Marx oder Max Weber aus. Auch die postkolonial inspirierten Darstellungen der Gegenwart neigten dazu, die Rolle Europas zu überzeichnen. Selbst die Rede von der "Moderne" und den "modernisierenden" Effekten basiere letztlich auf eurozentrischen Wunschvorstellungen.

Der da so unerschrocken gegen die heiligen Kühe der europäischen Selbstgewissheit anreitet, ist sich als Experte für die Geschichte des Commonwealth der Achsverschiebungen globalen Ausmaßes, von denen der Inder Chakrabarty sprach, nur allzu bewusst. Schließlich verfügten die Briten noch vor zwei Generationen über das geografisch ausgedehnteste Kolonialreich der bisherigen Weltgeschichte.

Als dessen Erbe zeigen sie nicht nur eine beneidenswerte Sicherheit im Umgang mit der globalen Geschichte, sondern auch ein besonderes Gespür für Anzeichen des decline einer Weltmacht. Seit dem Erscheinen von Edward Gibbons Verfall und Untergang des römischen Imperiums Ende des 18. Jahrhunderts ist die britische Geschichtsschreibung von solchen Fragestellungen fasziniert.

Das englische Original von John Darwins neuem Werk, The Rise and Fall of Global Empires, machte diese Referenz vor drei Jahren sehr viel deutlicher. Der Obertitel After Tamerlane verwies dagegen auf den Ausgangspunkt des Buches im frühen 15. Jahrhundert. Der zentralasiatische Eroberer Timur oder Tamerlan hat Darwin zufolge als bislang letzter Herrscher den "imperialen Traum" eines Attila oder Dschingis Khan verfolgt, ein eurasiatisches Großreich zu einen. Die Geschichte der folgenden Jahrhunderte sei dagegen von drei konkurrierenden Zentren her gesteuert worden: von Europa, der islamischen Welt und von Ostasien aus.

Darwins Perspektive ist ganz auf dieses eurasiatische Kernland geeicht. Bei seinem Gang durch die Jahrhunderte nimmt er herausfordernde Neubewertungen vor. So relativiert er die Bedeutung der Entdeckung Amerikas durch die Spanier und Portugiesen. In den 300 Jahren nach Kolumbus habe sich an der globalstrategischen Rolle des nach Westen erweiterten Europa nur wenig geändert. Selbst die Amerikanische oder die Französische Revolution tauchen bei ihm eher als Krisenerscheinungen denn als weltpolitische Wendemarken auf.

Die globale Landkarte vor dem 19. Jahrhundert hält Darwin für sehr viel offener als gemeinhin angenommen. Die Europäer waren bestenfalls Mitspieler im globalen Wettbewerb der Imperien, die der Autor als Systeme des Einflusses und der Herrschaft definiert, "in denen sich ethnische, kulturelle oder ökologische Grenzen überschnitten oder schlicht ignoriert wurden".