Die Frage: Marion und Carsten haben sich am Arbeitsplatz ineinander verliebt. Sie ist Onlineredakteurin, er Bildredakteur und Fotograf. Bisher trafen sie sich immer in Marions Wohnung, die in der Nähe der Redaktion liegt. Schließlich besucht sie ihn in seinem kleinen Haus. Carsten hat den Keller zu Atelier und Dunkelkammer ausgebaut und entwickelt dort seine mithilfe einer Plattenkamera gefertigten Porträts. Marion verbringt einige Stunden als sein Modell und fühlt sich geschmeichelt. Irgendwann landen sie in Carstens Schlafzimmer.

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Am nächsten Morgen erblickt Marion über dem Bett eine Aktfotografie. Es ist Carstens frühere Freundin. Marion ist mit einem Schlag hellwach: "Du hättest das Bild abhängen müssen!" Carsten entgegnet: "Das ist doch Kunst! Habe ich etwa die Bilder in deiner Wohnung kritisiert?"

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Es scheint, dass Männer frühere Geliebte eher als kostbare Zutat des eigenen Selbstwertgefühls erleben, während Frauen in deren angedeuteter Verehrung nur mangelnde Distanz sehen und sich wünschen, die Einzige zu sein. Es wäre feinfühliger gewesen, wenn Carsten das Bild abgehängt, Marion von dieser Aktion erzählt und sie ausdrücklich gefragt hätte, ob sie dieses Bild so distanziert betrachten kann, wie das ein Kunstwerk erfordert. Freilich kann er auch nicht wissen, dass Marion in dem für ihn längst zur Dekoration gewordenen Bild seine nicht vollzogene Ablösung sieht, die ihre Liebe stört.

Ob das Bild wieder aufgehängt wird oder in der Schublade bleibt: Marion und Carsten erleichtern sich ihre Zukunft, wenn sie zu der Einsicht finden, dass die Gegenwart der Liebe wichtiger ist als das Gedenken.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE.

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