Tucson, Arizona/Washington, D. C. Die Sonne scheint, Country-Musiker spielen auf, ein zwölfjähriges blondes Mädchen im himmelblauen Kleid trällert inbrünstig die Nationalhymne. Die Halle am Rande der Stadt Tucson im US-Staat Arizona platzt aus allen Nähten. Rund 1500 Menschen beißen in Hotdogs, schwenken fröhlich Amerikafähnchen und lassen die vier Menschen hochleben, die sich oben auf der Bühne ständig in die Arme fallen: Senator John McCain und Ehefrau Cindy, Sarah Palin aus Alaska und Ehemann Todd.

Man kennt das Personal. Es ist dasselbe wie aus dem Jahr der Präsidentschaftswahlen 2008. McCain war damals Kandidat für das höchste Amt im Staat, Sarah Palin hatte er sich überraschend zum running mate auserkoren, zur Vizepräsidentin in spe. McCain war Palins Erfinder – und jetzt ist es sie, von der sein politisches Überleben abhängt. Denn John Sidney McCain III. will am 2. November wieder für Arizona in den Senat zu Washington gewählt werden. Zum fünften Mal hintereinander. Eigentlich ein Heimspiel für den Veteranen. Tatsächlich aber ist es eine persönliche wie politische Tragödie.

McCain muss in Arizona nicht die Demokraten fürchten, sondern den rechten Flügel der eigenen Partei. Mitglieder der einflussreichen Tea-Party-Bewegung schimpfen ihn schon ein "Rino", einen "Republican in name only", einen Republikaner, der sich nur so nennt, dem aber die rechte Gesinnung fehlt. Seit Monaten buhlt er um die Zuneigung der Konservativen, denn bei den Vorwahlen am 24.August soll das Parteivolk wieder ihn zum Kandidaten küren und nicht den Ex-Kongressabgeordneten, Ex-Radiojournalisten und erzkonservativen Dampfplauderer J. D. Hayworth.

Dagegen hilft ihm anscheinend nun Sarah Palin. Die Ikone der Tea Party ist dem Bedrängten in Arizona zur Hilfe geeilt. Wohl weniger aus innerer Überzeugung denn aus Dankbarkeit. Politisch hat sich das republikanische Duo von 2008 nie wirklich gut verstanden. Die gemeinsame Kandidatur endete in tiefster gegenseitiger Verachtung. Doch in Tucson wirft Palin McCain die Rettungsleine zu. "Ich versichere euch", ruft sie mit sich überschlagender Stimme, "John ist ein wahrer Konservativer, einer, der jeder Tea Party zur Ehre gereicht." Zum Beweis trägt sie das Ergebnis ihres Checktests vor: Höhere Steuern für Reiche? John ist dagegen. Gnade für illegale Einwanderer? Dagegen. Recht auf Abtreibung? Dagegen. Strengere Waffengesetze? Dagegen. Klimaschutzgesetz? Dagegen. Die Menge applaudiert, McCain grinst, er hat die Prüfung bestanden.

Viel ist nicht geblieben von jenem prinzipienfesten, politischen Rebellen, der in Amerika "the maverick", "der Einzelgänger", genannt wird. Sein Merkmal war es bislang, gegen den rechten Parteistrom zu schwimmen, nicht mit ihm. Der mit einer Multimillionärin verheiratete Politiker stimmte gegen Bushs Steuersenkungen für Wohlhabende. Gemeinsam mit dem liberalen Ted Kennedy warb er für ein humanes Einwanderungsgesetz, das auch illegalen Immigranten eine Chance auf Einbürgerung bieten sollte. Er stritt für ein strengeres Umweltgesetz und stellte sich nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 entschieden gegen Bushs Folterpolitik. Als Kriegsgefangener hatte er Folter fünfeinhalb Jahre lang in einem nordvietnamesischen Gefängnis am eigenen Leib erfahren.

Doch es gibt kein Vertun, dieser Mann, der da auf der Bühne als ein in der Wolle gefärbter Konservativer gepriesen wird, ist tatsächlich John McCain. Um die Wahl zu gewinnen, hat er sich bis zur Selbstverleugnung dem Rechtstrend der Republikaner angepasst. Anders als noch 2008 wirbt er diesmal nicht mit seiner politischen Lebensleistung, sondern kandidiert dagegen. Sonst hätte er wohl keine Chance, von seiner Partei aufgestellt zu werden. Die Wut des republikanischen Fußvolks richtet sich nämlich nicht nur gegen Barack Obama und seine Demokraten, sondern gegen alle Politiker, die seit Langem zum Establishment von Washington zählen. Also auch gegen John McCain.

Moderate Konservative, die in diesem aufgerauten Klima politisch überleben wollen, verstellen sich darum. Wer weiter im Parlament mitmischen möchte, hat oft keine andere Wahl, als sich der veränderten Partei anzupassen. Doch John McCain ist viel weiter gegangen. Er hat sich gehäutet und dabei viele Überzeugungen über Bord geworfen, die ihn bislang auszeichneten und von anderen Republikanern unterschieden. Umweltschutz, eine allgemeine Krankenversicherung, Einwanderungsregeln und strengere Bankenkontrollen, das waren noch vor zwei Jahren auch McCains Anliegen. Seine und Obamas Lösungsvorschläge unterschieden sich oft nicht besonders.