Nur ein paar Pinselstriche vom Hauptbahnhof entfernt türmt sich das Museum der bildenden Künste in den Leipziger Himmel. Stolze 36 stolze Meter ist es hoch. Ein gläserner Kubus, mitten in der Stadt, zugänglich von allen vier Seiten.

Auf vier Stockwerken und einer Ausstellungsfläche von mehr als 5000 Quadratmetern präsentiert es Gemälde, Plastiken und Grafik vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. Die Etagen zwei bis vier werden von der Sammlung bespielt, den Wechselausstellungen gehört das Untergeschoss.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Initiiert und ermöglicht hat das 1858 eröffnete Museum der Leipziger Seidenhändler Adolf Heinrich Schletter; er vermachte der Stadt nicht nur seine Kunstsammlung, sondern auch genug Vermögen für das von ihm gewünschte Kunstmuseum. Gebaut wurde es am Augustusplatz. Der Museumsneubau an der Katharinenstraße öffnete dann 2004. Dem gebürtigen Leipziger Max Klinger begegnet man gleich im ersten Stockwerk. Nach Art eines Künstlermuseums präsentiert man ihn dort: angefangen beim monströsen Gesamtkunstwerk Christus im Olymp über das zarte Gemälde Die Blaue Stunde bis hin zum protzigen Beethoven. Kunst aus Leipzig bildet einen der Sammlungsschwerpunkte, weshalb man nebenan gleich auf noch einen anderen gebürtigen Leipziger trifft: auf Max Beckmann.

In seinem Raum spaziert Der Mann im Dunkeln umher: ein Mensch mit riesigen Händen und Füßen, der, indem er die Augen schließt, das Unheil abzuwehren scheint. Bloß zwei Blicke davon entfernt hängt Die Schlacht – ein gigantisches Leibergemetzel. Aber was ist das da auf dem Boden? Das trommelartige Gerät erweist sich als Radarzylinder des Kölners Klaus vom Bruch aus dem Jahr 1991. Und damit sind wir beim zentralen Prinzip der Sammlungspräsentation: Die Gegenwart ist in Leipzig immer schon da, und das gilt nicht nur für die Neue Leipziger Schule um Neo Rauch.

In allen Abteilungen findet sich zeitgenössische Kunst, die mit den anderen Werken korrespondiert, sie kontrastiert oder einfach nur umrahmt. Wie Jonathan Meese, der in einem der dusteren Treppenaufgänge ein Schlachtenölgemälde von Louis Braun in eine wüste Collage aus Plattencovern, Postern, Fotos und sonst noch was bettet. Nicht weit von Christoffel Piersons Stillleben mit Jagdgerät aus dem 16. Jahrhundert lehnt dann Andreas Slominskis vollgepacktes Tandem aus dem Jahr 1994 lässig an der Wand. Im direkten Vergleich offenbaren sie ihre Gemeinsamkeiten. So auch Thomas Schüttes Studio in den Bergen II, das sich zwischen Berglandschaften aus dem 19. Jahrhundert auf dem Boden rekelt.

Diese Interventionen geben der Gegenwart Raum und bewahren obendrein vor Langeweile: Immer dann nämlich, wenn man sich dabei ertappt, nur noch geschäftsmäßig an den Wänden entlangzudefilieren, unterbrechen die unvermutet auftauchenden Werke den Museumstrott.

Dasselbe gilt für immer wieder gern gesehene alte Bekannte: Böcklins fünfte Version der Toteninsel, die den Betrachter in ihr Zentrum zieht, oder Gustav Adolph Hennigs eher betendes denn lesendes Mädchen, dessen Aura auch unzählige Reproduktionen nicht zerstören können. Und Otto Modersohns aufrichtig kitschige Kate im Abendsonnenschein strahlt in Klatschmohnherrlichkeit. Von irgendwoher dringt da aber schon ein Ticken und Ächzen an unser Ohr. Die Geräuschkulisse entstammt Saussures Herz . Stephan Hubers Installation blendet vor weißem Glanze: Unter den Gipfeln von Eiger, Mönch und Jungfrau befinden sich drei Zwergentüren, die ins Innere der Bergwelt führen. Nur eine lässt sich öffnen und gibt den Blick frei auf ein schwer seufzendes Herz in einer kleinen Kammer.

Es ist eine der raumfüllendsten Arbeiten des Hauses, und sie lässt sich, der schönen Leipziger Logik gehorchend, in einem Atemzug nennen mit dem kleinformatigen Liebeszauber eines unbekannten Künstlers. Die wohl für einen Minnekasten hergestellte Bildtafel zeigt auf 24 mal 18 Zentimetern eine herzentflammende Liebesbeschwörung aus dem Spätmittelalter.