Für die Rauchschwaden, die gegenwärtig die Luft von Moskau immer wieder in ein unerträgliches Gemisch aus Gas und Gift verwandeln, sind nicht nur die Flächenbrände in den russischen Torf- und Waldgebieten verantwortlich. Verantwortung trägt auch eine Dürre und eine Hitzewelle, wie sie das Land seit Menschengedenken nicht erlebt hat. Trockenheit und hohe Temperaturen haben ein Viertel der Getreideernte vernichtet. Das russische Landwirtschaftsministerium verhängte ein Exportverbot für Weizen, vorläufig bis zum Jahresende.

Aber was dann?

Russland nimmt in der Rangliste der Getreideexporteure zurzeit den dritten Platz ein. Länder wie Bangladesch und Ägypten bekommen die Folgen des Ausfuhrverbots bereits zu spüren. Die russischen Exporteure kündigten ihnen die Kontrakte, wegen höherer Gewalt. Seither herrscht Ratlosigkeit. Die Regierung in Bangladesch versucht in Indien einen Ausgleich für die ausgefallenen 65.000 Tonnen russischen Weizen zu bekommen. Weit kritischer sieht es in Ägypten aus, das als weltweit größter Weizenimporteur fast 60 Prozent seines Weizens aus Russland bezieht. Auch die Türkei sorgt sich um ihre Versorgung.

Die Börsen reagierten prompt. Der Weizenpreis stieg innerhalb von nur drei Wochen auf das Doppelte. Die Spekulanten wittern noch höhere Kurse, denn auch auf anderen Erdteilen verdüstern sich die Aussichten für die Ernten. Kanada, der zweitwichtigste Getreideproduzent der Welt, erwartet einen Ernteeinbruch von mehr als 20 Prozent. Viele Farmer zwischen Saskatchewan und Manitoba hatten ihre Saat im Frühjahr erst gar nicht in den Boden bekommen, weil das Wetter zu nass war. Schlechte Aussichten melden auch Vietnam und Thailand, wo der Monsun in diesem Jahr nicht rechtzeitig kommt. In Pakistan und großen Teilen Chinas vernichteten zudem sintflutartige Regenfälle große Teile der Ernte. Die Weltbank-Direktorin Ngozi Okonjo-Iweala warnte bereits vor weiteren Exportverboten. Sie fürchtet Hamsterkäufe und Preissteigerungen.

Die Situation erinnert an 2008, das Jahr der ersten Welternährungskrise in diesem Jahrhundert. Damals ging eine Dürre in Australien mit dem Wirtschaftsboom in China und dem Biospritdurst in Europa und den USA einher – und traf auf leere Vorratslager. Selbst die Notreserve war über Jahre hinweg abgebaut worden und erreichte nicht einmal mehr die von der Weltagrarorganisation FAO geforderten 17 Prozent des Weltverbrauchs.

An der Getreidebörse in Chicago löste dies eine bis dahin nicht gekannte Preisrallye aus. Der Reispreis explodierte und stieg innerhalb von fünf Monaten von 330 auf 960 Dollar pro Tonne. Der Weizenpreis verdoppelte sich von 240 auf 480 Dollar pro Tonne. Wie die Weltbank heute feststellt, wurden die Kurse vor allem von Indexfonds getrieben und von Futures, also Wetten auf die zukünftige Preisentwicklung. Der Umsatz mit diesen Kontrakten stieg damals innerhalb einer Jahresfrist von 70 auf 400 Milliarden Dollar. Die Rallye am Weltmarkt löste eine Kettenreaktion aus. Zunächst stoppte Thailand als Hauptreisexporteur seine Ausfuhren, dem folgte Vietnam, der zweitgrößte Reishändler der Welt, dann schloss auch Kambodscha seine Grenzen. In Indonesien wurde das Militär abkommandiert, um die Reislager zu bewachen. In mehr als 20 Ländern, die sich selbst nicht ernähren konnten und deren Bevölkerung in Armut lebt, kam es zu Aufständen. Autos gingen in Flammen auf, Soldaten schossen auf Zivilisten, Regierungen wankten.

Trotz des russischen Exportverbots und der schlechten Ernten in anderen Erdteilen sind solche schlimmen Folgen bisher ausgeblieben. Das aber ist nur der guten Ernte des vergangenen Jahres zu verdanken. Ralf Südhoff, der Leiter des World Food Programme in Berlin, glaubt, dass die Stimmung spätestens dann wieder umschlägt, wenn die Preisspirale die Armenviertel erreicht. Dass dies passiert, ist ziemlich wahrscheinlich. Denn der Puffer, den die Welt mit ihren Weizenlägern gegen Krisen aufgebaut hat, reicht nur für wenige Wochen. Und die Fundamente der Welternährung bröckeln schon seit Jahrzehnten.