Plötzlich bebt der Boden. Die Matratze vibriert. Eine angelehnte Schranktür schwingt quietschend auf. Tuuut-tuuut-tääää, tuuut-tuuut-tääää, tönt es in Bierzeltlautstärke von unten. So klingt Pécs abends gegen 18 Uhr im Lenau-Haus. Eine Tuba? Bröööt-tööööö. Und das jetzt, eine Trompete? Die Melodie erinnert entfernt an Im Frühtau zu Berge. Egal, die sollen das leiser drehen. Also die Treppe ein Stockwerk runter, vorbei an Trachtenpuppen hinter Glas. Dumm nur: Da ist keine Stereoanlage bis zum Anschlag aufgedreht. Da spielt tatsächlich eine Blaskapelle. Bärtige Männer halten messingfarbene Instrumente vor die Gesichter, manche sitzen im Unterhemd da, was bei der Hitze nachvollziehbar ist. In eine Probe reinplatzen wäre jetzt unhöflich. Also doch lieber gleich in die Stadt, ohne vorher noch ein bisschen auszuruhen.

Das Lenau-Haus ist beides: Gästeherberge und Kulturzentrum der sogenannten Donauschwaben. Etwa 10.000 von ihnen leben in und um Pécs, das sich "Peetsch" spricht und dieses Jahr die dritte Europäische Kulturhauptstadt ist und ziemlich genau in der Mitte zwischen den anderen beiden liegt: Istanbul und dem Ruhrgebiet. Von Budapest aus fährt man dorthin noch einmal knapp drei Stunden mit dem Intercity durch Heideland in Richtung Süden. Pécs liegt inmitten grüner Hügel. Kleine bunte Häuserwürfel verteilen sich über die Hänge des Mecsek-Gebirges. Bis nach Kroatien sind es nur 40 Kilometer.

Wie überall im östlichen Mitteleuropa, wo sich die Grenzen im Laufe der Geschichte so oft verschoben haben, ist die Bevölkerung in Pécs bunt gemischt. Doch nirgendwo sonst leben die Ungarn, Roma, Kroaten, Serben, Bulgaren, Deutschen, Polen, Griechen, Ukrainer und Russen so selbstverständlich zusammen. Schon 1998 bekam die Stadt für ihre umsichtige Minderheitenpolitik den Friedenspreis der Unesco. Das Motto der Kulturhauptstadt lautet "Stadt ohne Grenzen". Zu Recht. Denn wer sich im Sommer 2010 mit offenen Ohren durch das historische Pécs und seine modernen Außenbezirke bewegt, dem begegnet ein akustisches Patchwork der Parallelwelten, die sich ständig überlappen und vermischen.

Im Lenau-Haus trötet die Stadt noch deutsche Volkslieder, ein paar Gehminuten weiter westlich, im historischen Zentrum, quiekt sie auf Ungarisch. Das sind die kleinen Kinder, die in den Brunnen spielen. In den Fußgängerzonen ploppt Pécs, das sind die waldbeerlila, cappuccinobraunen oder schlumpfblauen Eiskugeln, die weiß bemützte Verkäuferinnen in jedem zweiten Laden in Waffeln füllen.

An der Ecke Rékóczi utca/Hungária utca hallt Pécs auf Arabisch, wenn der Imam der Hassan-Jakawali-Moschee zum Abendgebet ruft. Seine Worte hängen fast zwei Sekunden lang in dem kühlen Raum. Für die Akustik haben die Erbauer im 16. Jahrhundert Krüge in die meterdicken Wände eingelassen, damals gehörte der südliche Teil Ungarns zum Osmanischen Reich. Bis Anfang der neunziger Jahre arabische Studenten in Pécs wieder eine muslimische Gemeinde gründeten, war die Moschee mit dem angeblich höchsten Minarett Ungarns mehrere Jahrhunderte lang ein Museum.

Das größte Gotteshaus aus türkischer Zeit, die 1585 vollendete Gazi-Khassim-Moschee, ist heute eine katholische Kirche. Wie eine Trutzburg mit kupfergrüner Kuppel steht sie ein paar Gehminuten weiter, auf dem zentralen Széchenyi tér. "Hier feiern wir unsere Festgottesdienste", sagt János Hábel. Der Vorsitzende des Deutschen Kulturvereins steht mitten auf dem weiß gepflasterten, von schönen Jugendstilhäusern gesäumten Stadtplatz.

Im 17. Jahrhundert, als österreichische Regimenter und die Armeen der deutschen Kurfürsten die Türken vertrieben hatten, kamen Franken, Pfälzer und Schwaben in kleinen, "Ulmer Schachteln" genannten Schiffen die Donau herab. Bis zum Zweiten Weltkrieg blieben sie mehr oder weniger unter sich. Die "Donauschwaben", wie man sie hier der Einfachheit halber nannte, hatten ihre eigene Sprache, ihre eigenen Traditionen, ihre eigene Musik. Ihre "Schwabenbälle" zu Karneval waren auch bei den Ungarn beliebt. Die Melodien, die das Orchester im Lenau-Haus heute geprobt hat, wurden auf den Dörfern rund um Pécs zur Kirmes und bei Hochzeiten gespielt.