Das kleine Fischerdorf Dangast am Jadebusen wurde vor hundert Jahren zu einem Ort der Kunstgeschichte, als Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff hier in den Sommermonaten ihren Expressionismus mit Salzluft aufluden. 1923 dann zog der Maler Franz Radziwill in das Nordseeheilbad – und lebte dort bis zu seinem Tode 1982. In seinem Wohn- und Atelierhaus erinnert die Radziwill-Gesellschaft in Jahresausstellungen an die virtuose, schillernde und noch immer viel zu wenig bekannte Entwicklungsgeschichte der Kunst des Hausherren. Radziwill ist der große Endzeitstimmungskünstler der zwanziger, dreißiger, vierziger Jahre, er schuf Landschaften, die zu vibrieren scheinen vor kommenden Katastrophen und in die aus dunklen Himmeln die Flugzeuge regnen wie abgestürzte Ikarusse. Die Landschaft wird bei Radziwill zum Transitraum der Geschichte, die norddeutsche Tiefebene zur Unterwelt, die Reetdächer scheinen kurz vor der Explosion zu stehen, und aus dem Firmament droht die Lava auszubrechen.

Es hat den zeitlichen Abstand gebraucht, um die künstlerische Leistung Radziwills hinter seinen gefährlichen Idyllen (und seiner anfänglichen Begeisterung für die Nazis) zu erkennen – doch jetzt schaut man staunend auf diesen Flugzeugabsturz im Kornfeld von 1930 oder seine Gebirgslandschaft mit zwei Reitern aus demselben Jahr (s. unsere Abbildung), die zurzeit in Dangast zu sehen sind. Sie sind Teil einer beeindruckenden Rekonstruktionsleistung: Die Jahresausstellung erinnert an die vergessene Künstlergruppe "Die Sieben" rund um Radziwill, die im Jahre 1932 für eine Ausstellung in Bochum, Barmen, Krefeld, Köln und Düsseldorf ein einziges Mal zusammen ausstellte.

Die Kuratorin Birgit Denizel hat die Liste der damals ausgestellten 144 Werke rekonstruiert und daraus 26 Bilder ausgewählt, mit deren Hilfe man den Geist jenes Jahres atmen kann. Im Geleitwort hieß es damals, die Künstler wüssten um die "Vertrauenskrise der Kunst". Sie versuchten sie durch fast fotorealistische Genauigkeit zu überwinden, "durch Klarheit und Ordnung, Sauberkeit und Reinlichkeit" – doch die Künstler, zu sehr Kind ihrer Zeit, ahnten nicht, wie noch ihre scheinbar harmlosesten Stillleben und Landschaftsgemälde von einer Atmosphäre der Angst durchzogen sind. Oder ist es nur unser heutiges Wissen um das, was von 1933 an geschah, das diese Gemälde zu Orakeln auflädt? Wahrnehmungsgeschichte ist immer Mentalitätsgeschichte.

Schaut man heute auf diese sieben – auf Radziwill vor allem, aber auch auf seine Malerkollegen Georg Schrimpf, Franz Lenk, Alexander Kanoldt –, dann springt einem eben nicht nur die Kühle der Neuen Sachlichkeit entgegen, für die sie alle zumindest halbwegs berühmt geworden sind. Gerade das Bestreben nach "Sauberkeit und Reinlichkeit" der Künstler erzeugt beim Betrachter ein Gefühl von auswegloser, besenreiner Melancholie. Man spürt jene "Krankheit zum Tode", jenes Sinken, jene verhängnisvolle deutsche Stimmung des Jahres 1932, in der die Töpfe und die Bäume und die Himmel zu aufgeladenen Bedeutungsträgern werden für eine apokalyptische Zukunft, die sie eigentlich nicht kennen konnten. Die nächste Jahresausstellung in Dangast wird sich dieser Zukunft widmen – dem Leben und Werk Radziwills in der Zeit von 1933 bis 1945, das einer nüchternen Aufarbeitung harrt.

Bis zum 9. Januar, Katalog 12 Euro