Einmal wollte Gabriela Lantzsch Wasser in Wein verwandeln, doch es gelang ihr zunächst nicht. Im vergangenen Jahr pflanzte die Gemeinde Großpösna 1300 Reben an den Ufern des Störmthaler Sees. Noch vor den ersten Beeren aber kam ein Bußgeldbescheid aus Dresden vom Landwirtschaftsminister: über 3700 Euro Strafe wegen räuberischer Reberei. Das Recht auf Weinbau, so lernten damals die Nordsachsen, verteidigt in Sachsen das Elbtal.

Doch Bürgermeisterin Lantzsch, promovierte Physikerin, ist dorfweit als erfinderisch bekannt. Flugs teilte sie die Rebfläche in 33 Parzellen und verpachtete diese ihren Bürgern; jedem weniger als 100 Quadratmeter, das gilt noch als "Eigenbedarf". Das Elbland schäumte wie Krimsekt, ein Rechtsstreit ist anhängig.

"Physik ist eine gute Basis für Politiker", sagt Gabriela Lantzsch, "sie lehrt einen, analytisch zu denken." Großpösna, einst ein reizarmes Tagebaurandgebiet, will zur Enklave des Dolce Vita werden, und es hat gute Chancen – auch dank dieser Frau. Der Störmthaler See, der mal ein gigantisches Baggerloch war, wird immer schöner. Lantzsch, parteilose Rathauschefin der 5417-Einwohner-Gemeinde seit nun neun Jahren, weiß: Die Zukunft, das sind die Touristen. Sie hat den Ortskern saniert, das Gemeindezentrum strahlt. Es ist schön hier, die Leute sollen nur kommen.

An diesem Wochenende kommen gleich 25.000. Ostdeutschlands größtes Rockfestival "Highfield", benannt nach dem bisherigen Spielort Hohenfelden in Thüringen, zieht auf die Magdeborner Halbinsel direkt am See. Es könnte eine Chance sein. Doch Großpösna war Schauplatz der Völkerschlacht, die Menschen hier wissen: Fremde können wüten.

Viele Anwohner haben Angst. Vor den Jungen, den Wilden. Vor Lärm, Müll, Verkehr. Ein Geologe schimpft: Der Störmthaler See befinde sich in einer sensiblen Phase. Zerstören die Gäste das junge Biotop? Anlieger sind verärgert darüber, dass fürs Highfield Bäume gefällt wurden. Sie fürchten, zudem, Staus und Stress.

Großpösna hat nicht viel Erfahrung mit großen Festen. "Es ist ein Spagat", sagt Gabriela Lantzsch. "Wir erhoffen uns viel, aber natürlich denke ich zuerst an meine Bürger." Es gebe aber auch einen Grundsatz für ihre Politik. Er lautet: "Wir lehnen nichts ab, was wir nicht gesehen haben." Zum vorigen Highfield, die Anfrage des Veranstalters lag schon auf dem Tisch, charterte Lantzsch einen Bus und karrte den Gemeinderat nach Thüringen. Hauptamtsleiter Strobel kannte sogar einige Bands. Vor Ort befanden sie, dass alles perfekt organisiert sei. "Am meisten", sagt Lantzsch, "beeindruckten mich die riesigen Staubsauger." Die Veranstalter hinterließen die Wiesen in Hohenfelden sauber. Das war das Wichtigste.

Zu Hause warb Lantzsch auf Rentnerausfahrten am Busmikrofon. Die Wirte Hohenfeldens, erklärte sie ihren Senioren, trauerten dem Festival nach, das ganze Dorf habe davon gezehrt. Es sei eine Chance für Großpösna. "Für unsere Jugend."

Am 11. November 2009 schloss die Gemeinde den Vertrag mit dem Veranstalter Semmel Concerts – über zehn Jahre. Im jüngsten Amtsblatt richtete sich Gabriela Lantzsch an ihre Einwohner: "Lassen Sie uns gemeinsam gute Gastgeber sein! Mit dem Bewusstsein, dass wir alle mal jung waren." Die jungen Leute von heute, das ist der Plan, sollen wiederkommen, irgendwann: als richtige Touristen. Da ist Musik in Großpösna.

Das Highfield-Festival findet vom 20. bis 22. August am Störmthaler See statt