Spitzenpolitiker werden oft ungerecht beurteilt. Sie sollen extreme Leistungen bringen, 80 Stunden die Woche, unter hohem Druck, in aller Öffentlichkeit – ohne selber extrem sein zu dürfen.

Das war vor ein paar Jahrzehnten noch anders. Franz Josef Strauß etwa oder Willy Brandt waren außergewöhnliche, exzentrische Menschen und durften es sein. Solche Toleranz für das Extreme ist heute verloren gegangen. Normal sollen die Politiker neuerdings sein, so wie wir, nur viel besser. Derlei Urteile geraten dann leicht bigott und spießig. Darum soll hier nicht die Rede sein von Horst Seehofers Modelleisenbahn oder seinem öffentlichen Privatleben, auch nicht von Guido Westerwelles mitreisenden Freunden oder seinen Tod in Venedig- Fotos.

Dennoch geht es um die beunruhigende psychische Verfassung der beiden Männer, um die Auswirkungen ihres irrationalen Verhaltens auf die Regierung. Und um die Frage, ob Besserung möglich ist.

Kaum jemand bestreitet, dass die schwarz-gelbe Koalition miserabel funktioniert: Die Ergebnisse ihres Regierens sind mäßig, die Prozesse, die jeweils dorthin führen, zumeist grauenvoll, die Wähler wenden sich ab. Dabei lassen sich die anstehenden Probleme durchaus auf rationale Weise lösen. Ob nun die Reduzierung der Bundeswehr, das Sparpaket, die AKW-Laufzeiten, bei all dem könnte man einen Kompromiss finden.

Ein echtes Gespräch mit Westerwelle scheint kaum mehr möglich zu sein

Nur, das hätte man auch schon in den vergangenen zehn Monaten so halten können. Dass das nicht gelang, liegt zunächst mal an den beiden Parteichefs.

Guido Westerwelle befindet sich seit einiger Zeit in einem bedenklichen Zustand. Wann immer man ihn trifft, wirkt er überspannt; selbst wenn er Seriosität zeigen will, übertreibt er. Sein Verhältnis zu vielen Medien ist weitgehend ruiniert, zu Beginn des Jahres hat er der ganzen Medienschar den Kampf angesagt: "Ihr kauft mir den Schneid nicht ab!" Kein regierender Politiker verhält sich in so vielen Interviews derart aggressiv wie er, ein echtes Gespräch scheint kaum mehr möglich zu sein. Das jedoch gilt nicht nur für jene, die er offenbar als seine Feinde ansieht, auch mit Parteifreunden, mit denen er eng zusammenarbeiten müsste, kommuniziert er kaum.

Mindestens einmal in seiner kurzen Regierungszeit hat er die populistische Karte gezogen ("spätrömische Dekadenz"). Auch von seiner Fixierung auf Steuersenkungen vermag er sich bis heute nicht zu verabschieden. Erst hat er damit die ganze Regierung in eine Schieflage gebracht, dann hat er nach der Wahlniederlage in NRW für kurze Zeit davon abgelassen, nur um beim ersten Anzeichen eines Aufschwungs erneut damit zu kommen.