Das nenne ich einen Geheimtipp, der den Namen verdient! Wer außer Pilzsammlern oder Wandersleuten fährt schon südlich von Straßburg bei Geispolsheim in die Waldstraße, welche zur Chapelle führt? Die Kapelle ist das einzige Überbleibsel eines Pilgerortes namens Hattisheim. Neben ihr steht nur noch ein einfaches Häuschen, nicht sehr einladend. Doch in dieser bescheidenen Kulisse werden für wenig Geld kulinarische Bedürfnisse auf viel mehr als befriedigende Weise erfüllt.

Zu essen gibt es das Normale, das jede Forststube in Waldnähe anbietet. Aber eben nicht nur. Da steht dann plötzlich der Zusatz "mit Mayonnaise, frisch". Heißt das etwa, wendet sich der verblüffte Gast an die Bedienung, dass die Mayonnaise in diesem Hause selbst gemacht wird? Oh ja, und auch die Remoulade, die aus Eigelb und Öl gerührte cremige Soße, ist nicht im Labor erfunden und in der Fabrik ausgetragen.

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Nun liest man die Speisekarte aufmerksamer ein zweites Mal und entdeckt beim Rindertartar den Zusatz "mit dem Messer gehackt". Sodann liest man von Kalbskopf und Tripes à la Niçoise, also von Kutteln, von Kalbsnieren sowieso, aber auch ein Bio-Schweinekotelett von 450 Gramm gibt es, hausgemachte Gänseleber, mariniertes Fischfilet, und alle Angaben auf der Speisekarte verraten, dass der Koch Erfahrung in großen Häusern gesammelt hat.

Vollends verblüfft die Lektüre der Weinkarte. Da werden ein Château Rayas angeboten, ein Condrieu und ein Silex von Dagueneau, also Weine, die man sonst nur in Gourmetlokalen findet, dort allerdings zum doppelten Preis. Und tatsächlich stellt sich später heraus, dass der Pächter und Küchenchef, Serge Knapp, nicht nur weltweit Gastronomie-Erfahrungen gesammelt hat, sondern auch ein erstklassiger Weinkenner ist.

Da fragt man sich doch: Wieso stapelt ein Küchenchef seines Kalibers so tief? Jeder andere wäre in die nächste Großstadt gezogen und hätte Michelinsterne angepeilt. Und wäre dort womöglich gescheitert. Serge Knapp hat wohl erkannt, dass sich bei den üblichen Miet- und Lohnkosten ein Erfolg nur mit kostspieligem Aufwand erreichen lässt. Andererseits sind mehr und mehr Feinschmecker heute nicht mehr so wild auf das Marmor-und-Seide-Ambiente der Gourmetlokale. Ein gutes Essen lässt sich auch in bescheidener Umgebung genießen. Vor allem, wenn man dafür keinen Kredit aufnehmen muss.

Hier – wird er sich sagen –, wo der Fuchs den Hasen in den Schlaf singt, kann ich mir schon mal eine fehlende Prise Salz im Tatar leisten, ohne dass die Welt zusammenbricht. Und recht hat er, der gute Serge.

Und hier kann er sich auch mal Ruhe gönnen. Serge Knapp schließt seine Auberge montags und dienstags ganztägig und mittwochs abends noch einmal.