Dass es kein richtiges Leben im falschen geben kann, wusste schon Adorno und bastelte daraus das berühmte Bonmot. Unwillkürlich drängt es sich auf angesichts ihrer Biografie. Wie kam es nur, dass sie ihr Dasein als Haus- und Ehefrau in der Provinz fristete, obwohl sie von Kindheit an nur eines wollte: schreiben. Warum führte sie ihr eigentliches Leben, das einer Schriftstellerin, nur am Rande eines Alltags, der aus Kochen, Kindererziehung und Stunden als Arzthelferin in der Praxis des Gatten bestand? Fehlte ihr der Mut, war sie "faul", wie sie selber behauptete? Eindeutige Antworten gibt es dazu nicht. Zumal sie Selbstzeugnisse wie Briefe und Tagebücher noch verbrannt hat, bevor sie starb – als habe sie gewollt, dass nichts von ihr bleibt. Nur eine Art Abschiedsgruß an ein imaginäres Du, den hinterließ sie bewusst, wunderschön poetisch und doch traurig und erschütternd. "Alles wird vergebens gewesen sein", heißt es darin, "wie bei allen Menschen vor dir. Eine völlig normale Geschichte."

Und normal, das hieß eben, sich einzurichten im vielleicht unrichtigen Leben. Zumindest in zwei Welten: hier das tägliche Tun – dort das Innenreich der Träume, Worte, Bilder. Aber wer weiß, vielleicht brauchte sie ja auch den festen Rahmen, um sich nicht in ihrer Fantasie zu verirren. Eine hochbegabte Jugendfreundin aus dem Kloster-Internat war als junge Frau an Schizophrenie erkrankt, landete in einer Anstalt und verschwand später spurlos; vermutlich ist sie ermordet worden. Sie aber überstand die bedrohlichen Jahre, zumindest äußerlich. Innerlich sah es wohl anders aus: Ihre Generation sei "von Verrücktheit befallen", schrieb sie, durch "Ereignisse, denen wir nicht gewachsen waren". Wie zum Trotz begann sie ein Studium, verliebte sich, trennte sich. Bekam ein uneheliches Kind, fast ein Skandal. Verliebte sich erneut, heiratete, bekam ein zweites Kind, diesmal ehelich. Zog mit dem Mann in die Provinz und blieb.

Dort wurden ihr die frühen Morgenstunden zum inneren Exil. Dann saß sie am Küchentisch und erdachte Geschichten, in denen immer auch etwas von ihr steckte. "Alle meine Personen sind Teile von mir, …, die ich recht gut kenne", sagte sie. Oder auch: "Man könnte 27 Ich-Romane schreiben, und jedes Ich wird ein bisschen anders." Dann erschien ihr wichtigster Roman – im selben Jahr wie der Erstling eines Landsmanns, der damit schlagartig berühmt wurde und seine eigene Version zum richtigen oder falschen Leben lieferte: "Alle leben mindestens drei Leben. Ein tatsächliches, ein eingebildetes und ein nicht wahrgenommenes." Wie viele gelebte oder erträumte, halb wahrgenommene oder verkehrte Leben sie nun hatte – wer vermag es zu sagen? Dass ihr Buch zum Bestseller wurde, hat sie nicht mehr miterlebt. Erst lange nach seinem Erscheinen wurde es gelesen als das, was es war: ein Meisterwerk in wunderbar klarer Sprache, aus konsequent weiblichem Blickwinkel. Tastend und eigen, gespenstisch und widerspenstig. Wer war’s?

Lösung aus Nr. 33:
Um die Ehre, Geburtsort Miguel (de) Cervantes’ (1547 bis 1616) zu sein, streiten sich viele spanische Gemeinden, getauft wurde er in Alcalá de Henares. Sein Vater wurde Bader, ein im Allgemeinen von Juden ausgeübter Beruf. 1560 war er Diener eines päpstlichen Legaten in Rom, 1571 nahm er an der Schlacht von Lepanto teil. 1575 wurde er mit seinem Bruder von algerischen Seeräubern gefangen, 1580 gegen 500 Taler Lösegeld freigelassen. In Madrid als Theaterautor tätig, ging er nach seiner Heirat ohne seine Frau nach Sevilla und wurde königlicher Kommissar für den Provianteinkauf, später Steuereintreiber. Während der Schuldhaft 1597/98 begann er, den "Don Quijote" niederzuschreiben, der 1605 erschien.