Manche, die bis zum bitteren Ende in der DDR blieben, werfen den anderen, die sich eine Ausreise ertrotzten, noch heute vor, das Land leichtfertig verlassen zu haben. Der Schriftsteller Günter Kunert hat solche Vorwürfe – wahrscheinlich wegen seines unverzeihlichen Mangels an Haftstrafen – immer wieder (und zuletzt noch einmal von Christa Wolf in ihrem jüngsten Buch) hören müssen. Indes hat Kunert schon früh darauf hingewiesen, dass es auch ohne erlittene Repressalien einen legitimen Grund gab, dem Land entfliehen zu wollen: Und das war der Wunsch, sich aus der ermüdenden Hassfixierung auf das Regime zu befreien.

Und in der Tat sollte man den Schaden nicht gering schätzen, der einer fortlaufenden Gedankenschleife ohnmächtigen Grolls entspringt. Man muss das Gift, das sich ohne Weiteres auch an einem Arbeitsplatz im Westen akkumulieren kann, geradezu als entscheidenden psychosozialen Hintergrund der allgemeinen Bewunderung verstehen, die dem amerikanischen Flugbegleiter Steven Slater seit Tagen entgegenschlägt, nachdem er sich in einer spektakulären Flucht den Zumutungen seiner Bordtätigkeit entzogen hat.

Steven Slater, nachdem ihn die Passagiere – zum wievielten Male wohl, zum tausendsten oder abertausendsten? – wüst beschimpft haben, nachdem sie ihm die Koffer auf den Kopf geknallt und sich seiner rituellen Anordnung entzogen haben, bis zum Stillstand des Flugzeugs angeschnallt zu bleiben, hat sich das Bordmikrofon geschnappt, die bösen Passagiere seinerseits beschimpft (die guten selbstverständlich auch gelobt), dann ein Bier aus dem Kühlfach geschnappt, die Notrutsche betätigt und sich mit einem, wie mehrfach betont wurde, glückseligen Lächeln auf das Rollfeld hinuntergleiten lassen, dort sein Auto bestiegen und sich nach Hause begeben. "Es war eine tolle Zeit, aber mir reicht’s", sollen seine letzten Worte gewesen sein.

Der Name des großen Mannes ist zum umgangssprachlichen Ausdruck für den existenziellen Befreiungsschlag geworden. "Slatern" heißt das Verb der Stunde. Wer "slatert", erkämpft sich neues Leben. "Lasst uns alle slatern" könnte zum Slogan einer neuen Arbeiterbewegung werden. Aber ähnlich wie in der DDR, wo Republikflucht und die Herabwürdigung des sozialistischen Staates unter Strafe standen, wird wohl auch in Amerika die Heldentat des Mr. Slater nicht ohne juristisches Nachspiel bleiben. Zwar hat er niemandem geschadet. Aber wegen der immerhin möglich gewesenen Gefährdung des Bodenpersonals auf dem Rollfeld drohen ihm jetzt sieben Jahre Haft; vom Tatbestand des groben Unfugs oder, wer weiß, der Anstiftung zum Aufruhr gar nicht zu reden.

Das tut uns leid für Slater; es ist jedoch gut für den symbolischen Wert seiner Tat: Sie muss strafbewehrt bleiben, damit sie ihre revolutionierende Kraft behält. Was wäre ein Aufstand der Werktätigen, dem keine Klassenjustiz gegenübersteht? Slatern ohne Risiko gilt nicht.