So viele Probleme auf einmal hatte die Wirtschaftssupermacht noch nie. Persistente Arbeitslosigkeit zusammen mit außergewöhnlich hohen Verschuldungsraten von Staat und Bürgern, dazu ein instabiler Finanzmarkt und sichtliche Schwächen auf den Weltmärkten selbst bei amerikanischen Vorzeigeunternehmen. Niemand darf vergessen: Viele andere Länder bleiben an die frühere Konjunkturlokomotive USA angekoppelt, unter anderem Deutschland. Im Augenblick boomt unsere Konjunktur. Doch es gibt sieben wichtige Mechanismen, über die Amerika uns das wieder verderben kann.

Erstens: Die Amerikaner können sich nichts mehr leisten. Wenn auf Dauer die Nachfrage der USA nach deutschen Produkten ausfällt, ist das ein Problem. Alle Welt redet von der boomenden chinesischen Nachfrage, an der die Welt gesundet – aber im Jahr 2009 rangierten die USA knapp hinter den Niederlanden auf Platz drei der deutschen Exportmärkte. Sie lagen damit noch weit vor China. Noch stärker wirkt ein US-Nachfrageausfall indirekt. Für viele Exportnationen Südamerikas und Asiens, aber auch für Kanada und Mexiko sind die USA der wichtigste Markt. Sinkt dort die Nachfrage, leiden auch diese Länder. Dann schränken am Ende auch sie ihre Nachfrage nach deutschen Produkten ein.

Der zweite Weg einer Ansteckung läuft über den Wechselkurs. Schwächeln die USA, könnte auch der Dollar real abgewertet werden, im Verhältnis zum Euro also weniger Gegenwert bieten. Das würde vor allem dann geschehen, wenn die amerikanische Notenbank mehr Inflation zuließe – ein Szenario, über das man in den Staaten offen nachdenkt. Ein deutlich schwächerer Dollar aber könnte die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen im Dollarraum (einschließlich aller Länder, deren Währungen an den Dollar gekoppelt sind) mindern.

Drittens würden sich deutsche Unternehmen, die auf wichtigen Auslandsmärkten Direktinvestitionen tätigen, härterer Konkurrenz amerikanischer Investoren erwehren müssen. Vielfach sind amerikanische Unternehmen auf Auslandsmärkten bereits stärker als auf dem Heimatmarkt, und wenn der amerikanische Binnenmarkt stagniert, ziehen sie mit ihrem Kapital erst recht in die Ferne. Komfortable Positionen, die sich deutsche Unternehmen hie und da in der Welt eingerichtet haben, gingen verloren.

Viertens drohten weitere Einbußen auf den amerikanischen Vermögensmärkten. Dies könnte Vermögensfondsmanager weltweit dazu veranlassen, Verluste auf den amerikanischen Märkten durch Gewinnmitnahmen auf anderen Märkten, zum Beispiel in Deutschland, zu kompensieren. Eine Verkaufswelle von Vermögenswerten wie Aktien oder Immobilien würde über die Märkte hereinbrechen.

Fünftens könnten sich diese Manager veranlasst sehen, die Schwächen der USA als Maßstab für die Suche nach ähnlichen Schwächen auch in Deutschland zu nehmen. Nach dem Motto: Wenn das in Amerika geschadet hat, schadet es uns auch hier. Sie würden vielleicht aus übertriebener Vorsicht auch Engagements in Deutschland einschränken oder aufkündigen und damit dem Land wichtige Ressourcen entziehen. Seit der Asienkrise kennen Ökonomen diesen Ansteckungskanal als wake up call.

Sechstens

könnten sich die USA durch ihre Schwäche genötigt sehen, die in der Krise begonnene geldpolitische und fiskalpolitische Konjunkturstützung auf unbestimmte Zeit fortzusetzen. Für Deutschland wäre das ein Schock. Bei uns wüchse die Angst vor Inflation, zumal Deutschland den USA und dem Rest der Welt viel Geld geliehen hat. Eine solche Entwicklung würde viele Bürger veranlassen, ihre Nachfrage einzuschränken oder sich in unproduktive Abwehrmaßnahmen zur Wertsicherung ihrer Anlagen zu flüchten: Gold und Betongold zum Beispiel.

Siebtens gingen von einer schwächelnden USA mit Sicherheit keine konstruktiven Impulse für die internationalen Ordnungssysteme aus. Auf diese ist die Weltwirtschaft aber angewiesen: Eine neue erfolgreiche Welthandelsrunde (Doha-Runde), weltweite Umweltschutzverpflichtungen, eine Reform der Aufsicht der Kapitalmärkte, all das sind Voraussetzungen für neues Wachstum. Stattdessen kämen latenter oder offener Protektionismus und defensives Nationaldenken. Gerade Deutschland hat als Exportnation aber ein Interesse an offenen Märkten und klaren Regeln. Auch litte unter der wirtschaftliche Schwäche die Fähigkeit der USA, internationale öffentliche Güter wie politische Sicherheit und wirtschaftlichen Stabilität bereitzustellen. Gerade Deutschland würde diese Dinge schmerzlich vermissen.

Kurzum: Niemand, vor allem nicht Deutschland, kann ein Interesse daran haben, dass die USA ihre Probleme nicht in den Griff bekommen. Von einem "verlorenen Jahrzehnt" in der größten Volkswirtschaft wären alle betroffen. Ausgeschlossen ist es leider nicht.