Herzdruckmassage

Doch, eigentlich hatten wir Baywatch in wohliger Erinnerung – Männer mit Sixpack-Bäuchen, Frauen in roten Badeanzügen und, ja, auch Sonne, Strand und Meer kamen vor. Sucht man aber bei YouTube nach den Rettungsschwimmern aus Malibu, erscheinen Filmausschnitte, die alles andere als angenehm sind. Shawn Weatherly, ein Rettungsgirl, wird von einem Hai gefressen, und die legendäre Summer Quinn muss wiederbelebt werden, ausgerechnet von Pamela Anderson alias C. J., deren Herzdruckmassage – "eins, zwei, drei, vier, fünf!" – vermutlich nicht mal ein stillstehendes Männerherz dazu gebracht hätte, wieder zu schlagen, so zaghaft geht sie ans Werk. Summer findet glücklicherweise trotzdem ins Leben zurück. Letztlich hat sie das David Hasselhoff zu verdanken, ohne den es diese Szene nicht gegeben hätte. Seine Produktionsfirma übernahm Baywatch, nachdem die erste Staffel in den USA gefloppt war und die Serie abgesetzt werden sollte. Fortan gab es mehr zu sehen und weniger mitzudenken. Begeisterte Zuschauer gaben Baywatch deshalb den Spitznamen "Babewatch". Baywatch wurde zur erfolgreichsten US-Serie überhaupt und in 144 Ländern ausgestrahlt, in Deutschland zum ersten Mal am 31. August 1990.

Der süßeste Mann

Ach ja, Mitch, wie David Hasselhoff in Baywatch hieß, verzauberte die Frauen. Er tat das mit einer kringeligen Haarpracht, die einer Afromähne ähnelte, Shorts und einem Muskelshirt, bei dem je nach Bewegung links oder rechts die Brustwarzen herausblitzten. Nipplegate-Mitch kümmerte das nicht. Es waren die Neunziger in Los Angeles, eine Fitnesswelle schwappte über das Land, man zeigte, was man hatte. Wenn Mitch nicht gerade Leben rettete, klemmte er sich statt der Rettungsbojen zwei blonde Beachgirls unter die Arme und machte sich, wie in Staffel fünf geschehen, mit Rollerblades auf den Weg – zu einer Frau, die ihm sagte: "Mitch, du bist der süßeste Mann, den ich jemals getroffen habe!" Welcher Mann hätte nicht gern mit ihm getauscht? Doch die guten alten Tage sind vorbei. Kürzlich trat Hasselhoff, inzwischen 58, beim Musikantenstadl in Salzburg auf. In einem Interview dort erklärte er: "Knight Rider hat mich berühmt gemacht. Mit Baywatch bin ich reich geworden." So konnte er sich namhafte Entzugskliniken leisten. Derzeit sucht er nach seinen deutschen Wurzeln. Mit dem Scharfsinn eines Mitch hatte er sie zunächst im hessischen Hasselhof vermutet. Seine Verwandten leben aber in Völkersen, das ist bei Bremen.

Wippen mit Silikon

Vor allem wurde Baywatch wegen seiner Zeitlupen geschätzt. Wenn es eng wurde, wenn es um Leben und Tod ging, verlangsamte sich das Tempo. Wie in Sirup strebten die Rettungsschwimmerinnen ihrem Rettungsbrett zu. Und ihre Busen wippten beim Laufen meditativ auf und ab. Besonders interessant waren die Brüste von Pamela Anderson, weil sie außergewöhnlich groß und mit Silikonkissen gefüllt waren. Viele Männer machte dieser Umfang verrückt. Pamela Anderson war das Sexsymbol der neunziger Jahre und verdrehte nahezu jedem Kerl den Kopf. Der eine oder andere, der ihr näher kam, wird das möglicherweise am eigenen Leibe erfahren haben. Denn sie führte ein akrobatisches Sexleben, wie sie gern zu verstehen gab. Außerdem ließ sie sich tätowieren, heiratete Schlagzeuger Tommy Lee im weißen String-Bikini und schaukelte mit ihm nackt über dem heimischen Piano. Es fiel einem nicht schwer, sich das vorzustellen. Pamela Anderson wusste aber auch knackige Sätze zu formulieren. Einmal soll sie gesagt haben: "Mein Busen hatte eine fabelhafte Karriere − ich bin einfach immer nur mitgetrottet." Der Weg hat sie in einen Wohnwagenpark nach Malibu geführt. Dort wohnt sie seit einiger Zeit mit ihren beiden Söhnen, und, wie es heißt, ganz gern.

Gefährliche Haie

In Malibu hatten die Rettungsschwimmer immer etwas zu tun, und meist war es sehr dramatisch. Sie retteten Kinder vor dem Hai, Erwachsene vor dem Ertrinken, Taucher nach Unfällen. Und das alles in letzter Sekunde. Sie waren Helden. Und man kann wohl sagen: Sie haben das Bild der Rettungsschwimmerei weltweit verändert. Der Alltag deutscher Rettungsschwimmer kommt da nicht ganz mit. Sie suchen verloren gegangene Kinder und leisten Erste Hilfe bei Hitzschlag. Im Wasser droht allenfalls ein Kabeljau die Beine zu streifen. Der einzige Hai, der durch die deutsche Ost- und Nordsee schwimmt, ist der Katzenhai. Der aber, sagt Martin Janssen von der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), sei klein und habe "so was von Angst", der tue keinem was. In Malibu würde man über unseren Hai den Kopf schütteln. Und wie steht es um das Aussehen der deutschen Rettungsschwimmer? Ihre Bekleidung immerhin kann sich sehen lassen. Rote Badehosen mit gelbem Logo –weit gefasst oder eng anliegend, je nach Jahreszeit und Wetter. Auf Sylt gucken schon mal Waschbretter heraus, die vor den Buhnen für Gesprächsstoff sorgen, am Starnberger See in Bayern müssen die Jungs dafür noch trainieren.

Klimmzüge

Die Crew von Baywatch drehte nicht nur im gediegenen Malibu, sondern auch an den urbanen Stränden von Los Angeles – in Venice oder Muscle Beach zum Beispiel. Auch dort stehen Palmen und sind die Wasserrettungsstationen pastellfarben, aber die Menschen, die hier leben, sind wie für den Film gemacht. Touristen merken das manchmal zu spät, wenn sie – statt gemütlich ins Getty-Museum zu gehen – versonnen an die Fitnessgeräte des Muscle Beach treten. Sie greifen nach einer Eisenstange über ihnen und versuchen einen Klimmzug, aber der Onepack-Bauch will nicht, so sehr man sich auch bemüht. Wenige Meter weiter führt indessen ein gestählter Beachboy seine Klimmzüge einarmig aus. Oder ein blondes Beachgirl mit Pferdeschwanz und perfekten Proportionen zeigt, wie lässig Liegestützen aussehen können. Das Filmteam von Baywatch musste nicht viel tun, um diesen Lebensstil einzufangen. Die Kameras hielten einfach drauf. In Deutschland wirkt das bis heute nach: Ist man nicht viel zu dick und das Klima bei uns nicht unter aller Kanone? Auf dem Bildschirm ziehen orange- und pinkfarbene Fäden den Himmel entlang, die Sonne versinkt seufzend im Meer. Im Abspann singt David Hasselhoff.