Unterwandern

Als Funktionär der moskautreuen Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend ging ich 1977 selbstverständlich in die Höhle des Löwen, um dort "antimilitaristische Arbeit" zu leisten. Sich von den "Massen" nicht abzusondern war Pflicht; der Umgang mit Gewehren konnte einem Nachwuchsrevolutionär nicht schaden.

Antimilitaristische Arbeit ging im Alltag so: 1.) Sich die kommunistische Tageszeitung (das waren Zeiten!) UZ jeden Morgen vom Feldwebel bei der Postverteilung vor versammelter Truppe aushändigen lassen. 2.) Als Vertrauensmann einen pünktlichen Dienstschluss am Freitag durchsetzen, damit die Kameraden aus dem Rheinland einen Zug früher erreichten. 3.) Sich in den Vorschriften stets besser auskennen als die Vorgesetzten und eine Beschwerde schreiben, wenn der Fähnrich bei Kälte Handschuhe trägt, es den Soldaten aber verbietet.

So hatte ich Abwechslung in einer harten Grundausbildung und anschließendem Erholungsdienst im Geschäftszimmer eines San-Bereichs. Geschadet hat es wohl weder der Bundeswehr noch mir. Die Armee war stark genug, sich von ein paar schrägen Vögeln wie mir nicht aus der Bahn werfen zu lassen. Und ich – auch in der Rückschau und schon lange nicht mehr links – habe viel gelernt: Wie lustig, aber auch wie ätzend eine reine Männergesellschaft sein kann. Wie mit einem System aus Vergünstigungen, Drohungen, Drill und Kameradschaftsgeist Armeen funktionieren, selbst wenn nicht alle Soldaten mit Überzeugung dabei sind. Wie sehr die Bundeswehr Teil unserer Gesellschaft ist, auch wenn die Gesellschaft ihr mit Desinteresse begegnet. Wie man schießt und trifft. Thomas Kerstan