Die Kinder sind schon früh auf den Beinen. Sie tollen auf dem Rastplatz beim antiken Amphitheater des Römerparks von Carnuntum herum und kreischen: "Iugula, Iugula!" Das brüllte einst die Menge bei den Gladiatorenspielen, wenn sie einem der Kämpfer den Tod wünschte: "Iugula – stich ihn ab!" Im Sand der Arena, ein paar Meter entfernt, haben junge Männer, nur mit einem Lendenschurz bekleidet, bereits zu dieser frühen Morgenstunde das Training aufgenommen. Sie stemmen schwere Klötze, sie rangeln im griechisch-römischen Stil, sie prügeln mit ihren Holzschwertern auf einige Pfähle ein, die in den Boden gerammt wurden. Alles streng nach antikem Vorbild.

Die Athleten kommen von der Universität Regensburg, sie studieren klassische Philologie, alte Geschichte oder Archäologie. Auch ein Technikstudent ist dabei. Das Kampfsporttraining dient ihrer akademischen Ausbildung. Sechs Monate lang haben sie sich im Sportzentrum der Uni auf die Exkursion vorbereitet, sie stellten ihre Ausrüstung zusammen und übten den Umgang mit den Nahkampfutensilien. Nun haben sie im österreichischen Städtchen Bad Deutsch Altenburg, rund 50 Kilometer östlich von Wien, für drei Wochen ihr Lager an der Donau aufgeschlagen. Hier, wo sich in den ersten drei nachchristlichen Jahrhunderten die größte römische Siedlung nördlich der Alpen ausbreitete, sollen sie unter Bedingungen, wie sie einst in den Gladiatorenschulen herrschten, ihre Fähigkeiten als Schaukämpfer üben.

Experimentelle Archäologie nennt sich die junge Disziplin, für die historische Situationen rekonstruiert werden, um in einem Selbstversuch all jene Vorgänge zu erforschen, über welche die Quellen nur unzureichend Auskunft geben. In der Gladiatoren-Akademie soll beispielsweise herausgefunden werden, wie sich die eintönige, fleischlose Kraftnahrung auf den Körper auswirkt oder wie lange die Physis dem rigorosen Trainingsrhythmus standhalten kann. Jeden Abend, erzählen die Studenten, fielen sie vollkommen erschöpft in ihren Zelten aufs Stroh und zögen die Felldecke über den Kopf.

Nach der Mittagspause, wenn die Sonne hoch am Himmel steht, sind wie zur Römerzeit Schaukämpfe angesetzt. Die Paarungen folgen dem antiken Vorbild, in der Regel tritt dabei ein schwer gerüsteter Gladiatorentypus gegen ein flinkes Leichtgewicht an, Ausdauer kämpft gegen Wendigkeit. Unter den Augen neugieriger Touristen schreitet der 20-jährige Philologiestudent Florian Gartner, Kampfname Memnon, an diesem Nachmittag als sogenannter Secutor (Verfolger) in die Arena. In seiner Linken trägt er einen rund sechs Kilogramm schweren, lederbezogenen Langschild aus Sperrholz. Das linke Bein und der rechte Arm stecken in einem dicken, wattierten Stoffschutz. Den Kopf bedeckt ein wuchtiger Bronzehelm, der in Regensburg nach dem Vorbild eines Fundstückes aus Pompeij geschmiedet wurde. Bewaffnet ist der Secutor lediglich mit einem Kurzschwert. Dem Schwergewichtler tritt der kaum geschützte Netzkämpfer Retiarius entgegen, der mit seinem Dreizack versucht, einen Treffer hinter dem Schild seines Gegners zu landen. Diesmal hat der Leichtfuß gegen den schwer schnaufenden Memnon allerdings keine Chance.

"Gladiatoren waren Hochleistungssportler, die sich bewusst ernährten und ihren Körper gezielt für die Anforderungen der jeweiligen Kampftechnik trimmten", sagt Josef Löffl, der Initiator des Camps. Der Dozent für Alte Geschichte ist Spezialist für das Heereswesen des Imperiums und schon seit Jahren als experimenteller Archäologe unterwegs. Einmal ließ er sich auf einer nachgebauten Flussgaleere donauabwärts bis Budapest treiben, ein anderes Mal überquerte er in voller Legionärsausrüstung die Alpen. Nur so, meint Löffl, ließen sich die Lebensumstände in der alten Zivilisation studieren.

Das Gladiatorenexperiment soll zugleich auch populäre Mythen zerstören. "Gladiatorenkämpfe waren keine blutigen Gemetzel, bei denen die Kämpfer reihenweise abgeschlachtet wurden", sagt der Hobbyrömer und zieht seine Tunika zurecht. Ein ausgebildeter Kampfathlet sei für den Besitzer einer Gladiatorenschule ein wertvolles Gut gewesen, in das er viel Geld investiert hatte. Zu schmerzvollen Blessuren kommt es freilich auch im Camp von Carnuntum. Doch auch diese werden nur mit römischen Heilmethoden behandelt. Die Geschichtswissenschaft kennt keine Kompromisse. "Es gibt schon erheblich angenehmere Arten, mit dem Studium voranzukommen", seufzt der siegreiche Secutor Gartner und humpelt zum Lagerfeuer, auf dem ein Bohneneintopf köchelt.

Die letzten Schaukämpfe finden am 21. und 22. August jeweils um 14 und 16 Uhr statt. Marktgemeinde Bad Deutsch Altenburg Erhardgasse 2, A-2405 Bad Deutsch Altenburg, Tel. 0043-2165/ 62900, www.bad-deutsch-altenburg.gv.at, www.carnuntum.co.at