Auf der einen Seite nimmt die Zahl der Bauern von Jahr zu Jahr ab, und auf der anderen Seite wird Raiffeisen größer und größer; hat sich von einem bäuerlichen Selbsthilfeverein in einen multinationalen Konzern verwandelt, der genauso wie andere Konzerne das Prinzip verfolgt, größer zu werden, mehr Geld zu verdienen und mehr Gewinne für Aktionäre abzuwerfen. Ein paar nüchterne Zahlen belegen das:

Im Jahr 1995 beschäftigte die Raiffeisen Zentralbank 2000 Mitarbeiter, 2008 waren es bereits 65000. In derselben Zeit stieg die Bilanzsumme von 18 auf 157 Milliarden Euro. Trotz Finanzkrise im Jahr 2008 erzielte sie einen Gewinn von 597 Millionen Euro. Dem Finanzminister brachte das fast nichts. Denn die Raiffeisen Zentralbank zahlte in Österreich nur 14 Millionen Euro Steuern. Das entspricht einem Steuersatz von lächerlichen 2,3 Prozent.

Wie viele Firmen zum Raiffeisen-Reich gehören, ist nicht bekannt. Insgesamt sind es viele Tausend. Weder Wirtschaftsforschungsinstitute noch die Arbeiterkammer können Gesamtzahlen über die Raiffeisengruppe liefern.

Bei der Raiffeisen Zentralbank vermischen sich genossenschaftliche mit aktienrechtlichen Prinzipien. Im Unterschied zu anderen Konzernen, wo die Mutterfirma die Töchter und Enkeltöchter beherrscht, ist es bei Raiffeisen umgekehrt: Hier beherrscht die Enkeltochter – die Raiffeisen Zentralbank – die Mutter, oder, genauer gesagt, die vielen Mütter. Denn am Anfang der Raiffeisen-Saga stehen die vielen kleinen Raiffeisenbanken in den Gemeinden, die nach wie vor nach den ursprünglichen Prinzipien der Selbstverwaltung und zum Wohle der Genossenschafter wirtschaften.

Raiffeisen ist aus drückender Armut entstanden. Um die Not der ländlichen Bevölkerung zu lindern, gründete der Deutsche Friedrich Wilhelm Raiffeisen 1864 die erste Raiffeisen-Genossenschaft und hatte die kluge Idee, dass die Menschen sich selbst helfen sollten. Er wollte keine Hilfe vom Staat. Sein Motto lautete: "Was dem Einzelnen nicht möglich ist, das vermögen viele." Die ländliche Bevölkerung sollte Kleinkredite erhalten, ohne die üblichen Wucherzinsen zahlen zu müssen. Jeder, der einen bestimmten Anteil einzahlte, wurde Mitglied der Genossenschaft und konnte als Gegenleistung einen Kredit in Anspruch nehmen. Raiffeisens Idee war so überzeugend, dass sie sich im deutschen Sprachraum rasch ausbreitete. Die erste österreichische Raiffeisenkasse wurde 1886 in Mühldorf bei Spitz gegründet; sie existiert noch heute.

Die Konkurrenz kritisiert immer wieder, dass Genossenschaftsbanken die eingezahlten Anteile nicht verzinsen, jeder Genossenschafter aber für den zwanzigfachen Betrag haften müsse. Raiffeisen-Zentralbank-Chef Walter Rothensteiner sagte in einem Interview mit dem Wirtschaftsmagazin trend, das sei eine notwendige Kapitalreserve, und es genüge, wenn jeder Genossenschafter bei der jährlichen Gesellschafterversammlung mit einem Paar Würstel und einem Bier entschädigt werde.

Jedenfalls verhält sich die Raiffeisen Zentralbank im Großen und Ganzen so wie alle anderen Großbanken. Sind hohe Gewinne in Sicht, wird auf Teufel komm raus investiert und gekauft – und die Gewinne werden abgeschöpft und an Aktionäre ausgeschüttet. Die Genossenschafter gehen leer aus. Falls jedoch Verluste entstehen, muss der Staat einspringen. So geschehen infolge der weltweiten Finanzkrise. Lautstark hatte Raiffeisen-Generalanwalt Konrad 2008 erklärt, die Raiffeisen Zentralbank werde sicher keinen Gebrauch von staatlichen Kreditangeboten machen. Der Schwur hielt nur kurze Zeit. 2009 holte sich Raiffeisen eine Unterstützung in der Höhe von 1,75 Milliarden Euro – mehr als jede andere Bank.