Erwin Emmerling führt ein Doppelleben. Er leitet den Lehrstuhl für Restaurierung, Kunsttechnologie und Konservierungswissenschaft an der Architekturfakultät der TU München – und sooft es geht, büxt er aus. Er reist dann nach China, um sich um die Restaurierung der Terrakotta-Armee zu kümmern, oder er macht sich auf den Weg nach Afghanistan, um im Bamiyan-Tal beim Wiederaufbau der berühmten Buddhastatuen zu helfen. Weil er Denkmäler liebt und weil seine Studenten von seinen Mitbringseln und seinen Erfahrungen lernen können. "Das mag sich pathetisch anhören, aber ich glaube, dass dort, wo Kulturdenkmäler verloren gehen, auch die gesellschaftliche Entwicklung aufhört und eine Verrohung einsetzt."

Emmerling, 1952 in Würzburg geboren, ist ein großer Mann mit schmalem Gesicht, braunen Haaren und Seitenscheitel. Seine Stimme ist tief, und er spricht so, wie er wohl auch als Restaurator arbeitet: Er legt nur vorsichtig etwas frei, ganz akkurat. Es sitzt jeder Satz. Von seinen Fernreisen bringt er den Münchner Studenten oft einige ganz besondere Stückchen Erde mit. Dann untersuchen die angehenden Restauratoren Lehmputzpartikel und erhalten so Einblicke in die Arbeit, die ihr Professor verrichtet und die sie selbst vielleicht auch einmal ausüben werden. Rund achtmal im Jahr macht Emmerling sich auf zu den zerstörten Buddhastatuen in einer der fruchtbarsten Regionen Afghanistans. Nie käme er jedoch auf die Idee, seine Studenten mitzunehmen: "Das Sicherheitsrisiko ist einfach zu hoch. Aber wenn sich jemand nach dem Studium dazu entschließt, uns vor Ort zu helfen, freue ich mich natürlich."

Seine Studenten arbeiten später in Schlössern und Museen, Landesdenkmalämtern oder anderen Forschungseinrichtungen. Viele Absolventen jobben auch auf freiberuflicher Basis, reisen von Projekt zu Projekt. Viele wird die Arbeit vermutlich wie Emmerling ins Ausland führen, wo sie dann als Spezialisten versuchen, Kulturdenkmäler der Menschheit zu retten.

Wie schnell jahrtausendealte Schätze zerstört werden können, zeigte sich 2001 auf besonders schmerzhafte Weise: In jenem Traumajahr wurden in der zentralafghanischen Senke die beiden Statuen zerstört, die längst zum Unesco-Weltkulturerbe gehört hatten. 53 und 35 Meter waren sie hoch; im 6. Jahrhundert waren sie in der großen Felswand an der Nordseite des Tals errichtet worden. "Sie hatten in der buddhistischen Welt die Bedeutung, die Rom für uns als antike, heilige Stadt hat", erklärt Emmerling.

Er ist froh, dass er nun seinen Beitrag zum Wiederaufbau leisten kann: Nach dem Ende der Talibanherrschaft hatte die Unesco eine Erhebung der Lage in dem Tal vorgenommen. Nach und nach durften verschiedene Restauratorenteams auf das Gelände. Emmerling ist seit 2004 dabei. Seitdem ist viel passiert: Die Überreste am Felsmassiv wurden gesichert, Felsfragmente geborgen, Wandmalereien konserviert und die Füße des "großen Buddhas" wieder freigelegt. Erwin Emmerling analysiert die Buddhateile, die er gemeinsam mit anderen Restauratoren aus dem Schutt birgt. Kleinere Elemente bringt er mit nach Deutschland, wenn ihm vor Ort die Geräte zur genauen Untersuchung fehlen. Er analysiert – mit der Hilfe seiner Studenten – die Partikel auf Farbreste und Bindemittel, denn zur Befestigung an der Wand wurde der Lehm mit Ei, Pflanzenfasern oder Tierhaaren angereichert. "Um wiederaufbauen zu können, müssen wir uns über die Zusammensetzung der Materialien im Klaren sein."