Im Begleitheft zur DVD-Box Die Kinder von Golzow (absolut medien), der ältesten Langzeitbeobachtung der Filmgeschichte, aufgenommen 1961 bis 2007, kann man lesen, dass der Zuschauer nicht nur genau hinsehen und zuhören soll. Er soll sich vor allem wieder erkennen und sich dem Mitmenschen, "dem Durchschnittszeitgenossen in Vergleich setzen können". Damit sind die 18 Golzower gemeint, die Winfried Junge über 40 Jahre mit der Kamera begleitet.

In den Kindern von Golzow soll man sich also wiedererkennen? In Menschen, die in einer Diktatur lebten, die vor 60 Jahren gegründet und vor 20 Jahren zusammengeklappt und weggepackt wurde? Es ist genau der Jahrgang der Eltern der Rezensentin, die ebenfalls 1954 in der DDR geboren und im Jahr 1961 eingeschult wurden. Damals, als Kosmonaut Jurij Gagarin ins Weltall geschossen und die Mauer gebaut wurde, als Durchschnittszeitzeugen eine Aufbruchstimmung in der DDR gespürt zu haben glaubten. Man sieht also auf den 18 DVDs quasi die eigenen Eltern, wie sie Zuckertüten tragen und im Sandkasten spielen.

In diesen Jahren lernte man noch Hanns Eislers Kinderhymne Anmut sparet nicht noch Mühe, die auch Titel einer der ersten Dokumentationen von Winfried Junge wird. Und in diesen Jahren scheinen sich die Kinder von Golzow vor allem in der Schule zu langweilen und davon zu träumen, Köchin, Maler und Tischler zu werden. Junge hält sich lange in dieser Zeit auf, wohl weil die Wünsche der Kindheit später melancholisch in die Breite wachsen. Denn das Später ist schneller da, als man will.

Schon 15 Minuten weiter sind die Protagonisten Elke, Marie Luise, Bernd oder Jochen über 30, haben Familie, arbeiten in Kombinaten, in Hühnerfarmen, in Landwirtschaftsbetrieben, in Chemielaboren bis dann, man konnte kaum die Cola aus dem Kühlschrank holen, plötzlich die Mauer zusammen stürzt und es mehr Werbung für Tennissocken gibt als je für den Sozialismus. Man muss ihnen dabei zuschauen, wie sie, die vorher über Politik soviel sagten wie ein Golzower Grenzstein, plötzlich politisch werden und wie sie, die jahrelang um eine anständige Wohnung kämpften, nun im Kapitalismus reicher und unglücklicher werden. Und man sieht die neunziger Jahre mit dem Helmut-Kohl-Gedächtniskuchen, den man mit der Verpackung essen konnte, und wie die Golzower Kinder dick und alt werden.

Achtzehn Lebensläufe, das sind in Film umgerechnet 70 Kilometer Zelluloid, 40 Stunden Material, über 40 Jahre Interviews. Achtzehn Leben im Zeitraffer: Einschulung, Tanzstunde, Beruf, Kinder, Scheidung, Alltag, graues Haar. Man muss der Vergänglichkeit ganz tief in den Schlund blicken, dabei erschrocken zuschauen wie sie Zeit schluckt, Lebenszeit einfach aufisst.

Die Kinder von Golzow sind jetzt in einer metallenen Geschenkbox erschienen, und vielleicht muss man sie nicht nur den Durchschnittszeitgenossen als Erinnerungskapsel überreichen, vielleicht auch mal einem dieser Durchschnittsnachkommen.