Von Bill Clintons früherem Strategen James Carville stammt der Ausspruch, er wolle nicht als Papst oder Präsident wiedergeboren werden, sondern als Anleihemarkt: "Da kannst du jeden einschüchtern."

Carville sprach aus leidvoller Erfahrung. Kurz nachdem Clinton 1993 als Präsident ins Weiße Haus einzog, schossen die Zinsen für amerikanische Staatsanleihen nach oben, weil die hohen Staatsschulden in den USA die Geldgeber verschreckten. Bald galten die Anleihehändler als "bond vigilantes", als Wächter über die Staatsfinanzen. Sie zwangen die neue Regierung auf einen strammen Sparkurs. Statt Wahlgeschenken gab es für die Bürger Kürzungen und Steuererhöhungen.

Und heute? Steigen die Schulden wieder, nicht nur in den USA, sondern auf der ganzen Welt – und den Kapitalmarkt scheint das nicht zu interessieren. Die Zinsen sinken auf immer neue Tiefststände. Am Dienstag dieser Woche fiel die Rendite auf bereits ausgegebene zehnjährige amerikanische Staatsanleihen im Handel auf 2,51 Prozent. In Deutschland warfen dreißigjährige Staatsanleihen zeitweise weniger als drei Prozent Rendite ab.

Das Zinsrätsel ist nicht nur Topthema an den Finanzmärkten, sondern ein Politikum – geht es doch auch um die Frage, ob sich der Staat neue Schulden leisten kann. Angesichts der wachsenden Furcht vor einer neuen Rezession in den USA treibt sie auch die Chefs der großen Notenbanken um, die am Wochenende ihren Sommerkongress im US-Ferienort Jackson Hole abhalten.

Für die Sparer sind die Niedrigzinsen ein Desaster: Wer mit deutschen Staatsanleihen sein Vermögen erhalten will, der muss es nach Berechnungen der Deutschen Bank hierzulande mindestens für sechs Jahre fest anlegen. Bei kürzeren Investments reichen die Renditen nicht, um Inflation und Steuern wettzumachen. Auch die Versicherungsunternehmen haben zu kämpfen. Im Schnitt haben sie ihren Kunden einen Zins von 3,4 Prozent versprochen, weit mehr, als Bundesanleihen – die beliebteste weil sicherste Anlage – abwerfen.

Für die Staaten ist das Zinstal ein Segen. Obwohl sie bereits hoch verschuldet sind, können sich die Industrienationen praktisch umsonst mit noch mehr geliehenem Geld vollsaugen. Das stürzt die Ökonomenzunft in Erklärungsnöte. Sie wurde von der Entwicklung an den Anleihemärkten größtenteils überrascht. Die Investmentbank Morgan Stanley etwa hatte noch im Dezember einen kräftigen Anstieg der zehnjährigen Anleihenrendite auf 5,5 Prozent vorhergesagt. Kleinlaut mussten die Banker nun ihre Prognose korrigieren. "Wir lagen falsch und haben eine große Gelegenheit verpasst", schieb vergangene Woche James Caron, der Zinsstratege des Investmenthauses.

Auch Barack Obama hatte sich von den Anleiheinvestoren einschüchtern lassen. Die Gefahr eines höheren Zinsniveaus war für sein Beraterteam um den früheren Harvard-Professor Larry Summers ein wichtiger Grund, das amerikanische Konjunkturprogramm nicht zu groß werden zu lassen. Allein die cleveren Zocker von Goldman Sachs haben die besondere Dynamik der Krise frühzeitig erkannt und früher als andere niedrige Zinsen prognostiziert.

Dabei steigen die Zinsen in der Regel, wenn der Staat Schulden macht. Leiht sich die öffentliche Hand Geld, um damit zum Beispiel Konjunkturprogramme zu finanzieren, wird Kapital gebunden. Der Zins ist der Preis des Kapitals – und der Preis eines Gutes steigt, wenn es knapper wird. Darunter würden die Unternehmen und die Haushalte leiden, weil auch für sie die Finanzierungskosten steigen. Schlimmstenfalls verdrängen die staatlichen Ausgaben die privaten Ausgaben, die Wirtschaft kommt nicht vom Fleck.