"Du hast also Schwierigkeiten bei Diktaten?", sagt der Mann hinter dem Schreibtisch und schaut Stefan fragend an. Stefan ist zehn Jahre alt und heute zum ersten Mal im Jobcenter, zusammen mit seinen Eltern und seiner Schwester. Stefans Vater ist arbeitslos, seine Mutter hat nur einen 400-Euro-Job. Deshalb, haben ihm seine Eltern erklärt, müssten sie nun im Jobcenter um Geld bitten – für Stefans Nachhilfe, für den Sportverein und den Ranzen seiner Schwester.

Stefan weiß nicht so recht, was er antworten soll. "Der Lehrer", erklärt seine Mutter, "sagt, dass Stefan sich gut ausdrücken kann, aber für die Rechtschreibung braucht er Nachhilfe. Ich habe die Bescheinigung dabei."

"Ja, gut", sagt der Mann vom Arbeitsamt. "Aber liest der Junge auch Bücher? Das ist wichtig. Ich hoffe, Sie haben ein paar Kinderbücher zu Hause und lassen die beiden nicht nur vor dem Fernseher sitzen."

Stefan sagt nichts. Der Jobcenter-Mann lässt sich noch Quittungen für den Schulranzen und Schreibhefte vorlegen und fragt, warum Stefans Schwester schon wieder den Sportverein wechseln möchte. Dann ist Stefans erster Besuch im Jobcenter vorbei.

Ein fiktives Beispiel. Doch etwa so könnte es zugehen, wenn Ursula von der Leyens Pläne wahr werden: Fördern und Fordern – demnächst für die ganze Familie. Die Bundesarbeitsministerin will bis Mitte Oktober einen Gesetzentwurf vorlegen, mit dem die staatliche Unterstützung für Kinder neu erfunden wird. Das Bundesverfassungsgericht hat im Frühjahr festgelegt, dass der Staat für Kinder von Arbeitslosen auch einen Grundbedarf an Bildung und sozialer Teilhabe decken muss. Von der Leyen will Hartz-IV-Familien aber nicht einfach mehr Geld überweisen. Stattdessen sollen sie nach individuellem Bedarf Unterstützung bekommen. Und zwar als Guthaben auf einer Chipkarte , der Bildungskarte, die nur für genau definierte Zwecke eingesetzt werden kann.

Die Nachhilfe, das Mittagessen in der Schule, der Fußballverein oder die Musikschule sollen darüber bezahlt werden. Neue "Familienlotsen" in den Jobcentern schauen, was am Ort möglich ist. Sachbearbeiter entscheiden, welche Unterstützung ein Arbeitslosenkind braucht . Werden die Pläne Wirklichkeit, könnte sich das Aufgabengebiet der Jobcenter schon vom kommenden Jahr an gewaltig ausdehnen.

Aber noch wird heftig gestritten . Weil es um Machtfragen geht, um Zuständigkeiten zwischen Berlin, den Kommunen und den Ländern, die vor einer Art "Bundesjugendamt" warnen. Weil die Ressorts von gleich drei konkurrierenden CDU-Bundesministerinnen berührt sind – Arbeit (von der Leyen), Bildung (Annette Schavan) und Familie (Kristina Schröder). Und weil es um eine fundamentale Frage des Sozialstaats geht: Wie viel Bevormundung darf, wie viel muss er seinen Bürgern zumuten? Soll er sich einmischen bei der Frage, wie Kinder ihre Freizeit verbringen? Ist es vielleicht sogar seine Pflicht, durch Vorschriften dafür zu sorgen, dass Eltern Schulranzen und Taschenrechner statt Flachbildfernseher und Zigaretten kaufen?