Am Morgen stehlen die Möwen die Brötchen vom Frühstückstisch. Der Kellner kommt aus Sizilien und sagt, alle Menschen auf allen Inseln seien gleich. "Betonköpfe. Ändern sich nie." Die Neun-Uhr-Fähre zur Düneninsel ist voll besetzt. "Nix wie weg", sagt ein Mann mit Kühltasche zu einer Familie mit Kindern und Gummikrokodilen. "Gleich kommen die Schnapstouristen."

Es ist ein heißer Sommertag auf Helgoland. Um zehn Uhr kommen die ersten Tagesgäste an, entzücken sich ein wenig vor den bunten Hummerbuden mit den gehobenen Souvenirs und eilen weiter dorthin, wo Zollfreiheit lockt. Um 10.15 Uhr wuselt es im Unterland in allen Läden. Am Hafen spielt eine Kapelle Seemannsschnulzen. In den Souvenirläden schieben sich Menschentrauben durch das gleichgeschaltete Warenangebot aus Alkohol, Zigaretten, Kosmetik und Schokolade. Der Ostfriesentee heißt Helgoländer Mischung, und sogar Muschelkästchen gibt es noch.

Fuselfelsen. Ort, an dem die deutsche Nationalhymne geschrieben wurde. Tauschobjekt gegen Sansibar. Hitlers Bunker. Die Bomben der Engländer, die nur Trümmer übrig ließen. Helgoland ist für vieles bekannt, in den vergangenen Jahren allerdings etwas in Vergessenheit geraten. Denn was in den Siebzigern beliebt war, eine lustige Seefahrt, ein zollfreier Einkauf, ein Blick auf die rauen Insulaner und auf die konsequent enge Wiederaufbauarchitektur, lockt heute nur noch wenige an. Helgoland gilt als verstaubt und langweilig. Amrum hat Natur, Sylt Dekadenz. Helgoland hat die vom Umfallen bedrohte Lange Anna und ein paar weitere rote Felsen.

Zu Hoch-Zeiten kamen 800000 Tagesgäste, fuhren Schiffe mehrmals täglich zur Insel, die Fahrpreise waren subventioniert. Heute sind es nur noch 300000 Gäste, weniger Schiffe, teurere Fahrpreise. Viel Geld lässt sich so nicht verdienen, in Scharen ziehen die Kinder der Inselbewohner aufs Festland.

In den Plastiktüten klirren die Flaschen, Schokoladenstangen ragen heraus

Um 12 Uhr sticht die Sonne, es riecht nach Matjesbrötchen und Schweiß. Plastiktütenträger drängen in den Fahrstuhl zum Oberland. Wer schnell ist, schafft es noch bis zum Lummenfelsen und zur Langen Anna. Von 15 Uhr an heißt es: zurück auf die Boote. In den Tüten klirren die Flaschen, extralange Stangen Toblerone ragen heraus. Beim Warten auf dem Landungssteg rechnet ein Mann seiner Frau vor, dass er den Preis für die Fähre durch das Einsparen der Mehrwertsteuer wieder raus hat. "Aber weg ist das Geld trotzdem", sagt die Gattin.

Als die Schiffe auf See sind, kehren die Strandkrokodilträger aus den Dünen zurück. Sie gehören zu einer Besuchergruppe, deren Zahl seit einigen Jahren steigt: den Übernachtungsgästen, meist Familien mit ihren Kindern, auch junge Paare. Sie könnten die Insel retten. Weitere 2000 Betten, so die Schätzungen, werden benötigt, aber niemand weiß, wohin man die stellen sollte. Helgoland ist dicht bebaut. In den 108 Gassen stehen die 800 Häuser nahtlos nebeneinander. Wenn jemand im Hinterhof redet, kann man ihm auf der Straße zuhören. Hinter den niedrigen Fenstern lässt sich das Leben der Bewohner beobachten. Niemand ist hier eine Insel.

In Hamburg-Harburg sitzt im obersten Stock seiner Firma HCHagemann der Bauunternehmer Arne Weber und breitet Pläne aus. "Ach, Helgoland", sagt er, und es klingt so schmachtend wie genervt. Weber ist zwar Hamburger, seine Mutter und Großmutter aber sind "von der Insel". Und schon deshalb sei sie ihm eine "Herzenssache". Wäre Helgoland eine Prinzessin, wäre Weber der Frosch, den man nur küssen müsste – und alles wäre gut. 2008 hat er einen Masterplan entworfen, wie man Helgoland von seiner Landnot erlösen, das Image aufpeppen und neue Gäste für die Insel werben könnte.

Weber ist ein Mann, der gerne visionär denkt. Die Idee mit Helgoland kam ihm bei einem Gläschen Rotwein, und der Abend war noch nicht um, da hatte er den Entwurf in groben Zügen fertig. Die Insel soll durch aufgeschütteten Sand mit der benachbarten Düneninsel verbunden werden. Damit wäre die bisherige Fläche von einem Quadratkilometer fast verdoppelt. An der Planung hat er die Uni Harburg und das Alfred-Wegener-Institut beteiligt, die geologische und ökologische Fragen klären sollen.

Ein Bauunternehmer will 80 Millionen investieren. Politiker lehnten ab

Durch die Landverbindung gäbe es Platz für neue Hotels, für einen Golfplatz am Wasser, eine Landebahn, die auch größere Maschinen nutzen könnten. Dazu soll die Landebrücke verlängert werden, und Helgolands Küste wäre auch für Kreuzfahrtschiffe erreichbar, die Gäste müssten nicht mehr in kleinere Boote umsteigen, um an Land zu kommen. Das Zukunftskonzept würde Gemeinde, Land und Bund keinen Cent kosten. 80 Millionen will Weber ausgeben und sich das Geld durch Investoren wiederholen. Interessenten gäbe es genug.

Doch Helgoland will die 80 Mille nicht. Eine politische Lenkungsgruppe, die mit einem sogenannten Präferenzszenario die Felseninsel gestalten will, hat es abgelehnt, Webers Konzept in die Zukunftspläne aufzunehmen. Seither herrscht Zoff auf Helgoland.

Hans Stühmer, ehemaliger Kreistagsabgeordneter, ehemaliger Leiter des Wasser- und Schifffahrtsamts, sitzt, wenn die Tagestouristen endlich fort sind, gern auf einer Bank vor den Hummerbuden bei einem Käffchen. Gar nichts halte er von dem Masterplan für die Insel. Helgoland sei ein ornithologisches Paradies. "Sie glauben nicht, was für Vögel es hier zu sehen gibt." Weil sich das herumgesprochen habe bei den Ornithologen in aller Welt, ist Stühmer dafür, Helgoland zur Naturinsel zu machen. Nix Kreuzfahrtschiffe an der Landungsbrücke. "Die verschmutzen nur das Wasser." Und nix Landverbindung. Die werde bei der ersten Sturmflut weggerissen. Stühmer ist froh, dass "dieses Dings", der Weber-Plan, vom Tisch ist. "Helgoland wäre nicht mehr Helgoland, wenn wir das machten, das wäre dann wie Dubai hier."