DIE ZEIT: Frau Käßmann , seit Ihrem Rücktritt hat Ihre Anziehungskraft auf viele Menschen noch zugenommen. Ist Ihnen das manchmal ein bisschen unheimlich?

Margot Käßmann: Ich kann das schwer erklären. Aber gerade in den Postbergen, die ich in der letzten Zeit bekommen habe, erlebe ich, dass manche Frauen in meinem Alter oft das Gefühl haben: Mit der könnte ich auch befreundet sein. Letzte Woche war ich für eine ZDF-Dokumentation in Engensen, einem kleinen Ort bei Hannover . Da hatte die Kirchenvorstandsvorsitzende sich extra freigenommen, hatte die Kapelle geschmückt, die Kerzen angezündet. Das war anrührend und liebevoll.

ZEIT: Sie werden gar nicht in erster Linie als Pastorin wahrgenommen?

Käßmann: Vor allem als Seelsorgerin, denke ich. Da gibt es offenbar großen Bedarf. Ich könnte eine Briefseelsorge aufmachen, so groß ist die Flut.

ZEIT: Jetzt gucken Sie leidgeprüft.

Käßmann: Ich habe schon das Gefühl, den Menschen da nicht gerecht zu werden. Ich kann ja nicht jeden einzelnen Brief beantworten.

ZEIT: Wie fallen die Briefe aus, die Sie seit Ihrem Rücktritt bekommen?

Käßmann: Sie helfen mir weiter, klar, weil sie zeigen, dass die Menschen mich trotzdem mögen, obwohl ich einen Fehler gemacht habe.

ZEIT: Trotzdem oder gerade deswegen?

Käßmann:(lacht) Vielleicht gerade deswegen.

ZEIT: Gibt es einen Unterschied in der Wahrnehmung durch die Menschen und die Medien?

Käßmann: Ja, schon. Wenn ich in den Medien über mich selbst lese, habe ich das Gefühl, das ist immer irgendwie ein Versuch, das Phänomen Käßmann zu erklären. Den Menschen direkt zu begegnen ist viel einfacher, weil die mir nicht mit einem Theoriegebäude im Kopf gegenübertreten.

ZEIT: Haben Sie in diesen Tagen von der Familie Daxenberger gelesen? Am Sonntag starb der Ehemann, ein Grünen-Politiker in Bayern , am Mittwoch seine Frau, beide an Krebs.

Käßmann: Ja, wenn ein Paar so relativ jung stirbt innerhalb von wenigen Tagen und drei minderjährige Söhne zurücklässt, das ist erschütternd. In solchen Fällen hoffe ich immer besonders, dass die Familie seelsorgerlich begleitet wird. Die Auseinandersetzung gerade mit frühem Tod ist ein großes Thema, aber ich finde es schlimm, dass viele Menschen überhaupt nicht darüber sprechen. Das habe ich selbst erlebt, sogar bei Theologen. Da sagte mir die Ehefrau, ihr Mann sei krebskrank, und eigentlich ist auch klar, dass das zum Tod führt. Trotzdem wird nicht darüber gesprochen.

ZEIT: Sie haben bei Ihrem Rücktritt eine Zeile aus dem Evangelischen Gesangbuch zitiert: "Ich kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand." Ist so ein Satz anwendbar, wenn zwei Menschen aus der Mitte des Lebens gerissen werden?

Käßmann: Heute wollen die meisten Menschen plötzlich und unerwartet sterben. Doch dieses unvorbereitete Sterben ist für die Hinterbliebenen wesentlich schwieriger. In früheren Jahrhunderten galt der angekündigte Tod als der bessere Tod, weil man sich vorbereiten konnte. Ich möchte mich ja auch verabschieden können.

ZEIT: Aber der Tod ist der tiefste vorstellbare Fall.

Käßmann: Natürlich bleiben Tod und Sterben schmerzhaft. Trotzdem glaube ich, dass ich selbst im Tod nicht tiefer falle als in Gottes Hand. Ich glaube, dass es ein Leben nach dem Tod gibt, in welcher Form auch immer. Die Bibel ist da nicht sehr konkret, aber die Zusage der Auferstehung, die bleibt.

ZEIT: Verstehen Sie den Reflex der meisten Menschen: Herrgott, wie kannst du so etwas zulassen?

Käßmann: Dass ich den Schmerz auch hinausschreien kann zu Gott, ist mir als Christin wichtig. Interessant ist doch, dass mit Blick auf den Tod bei vielen Leuten auf einmal die Vorstellung herrscht, Gott verfüge über uns wie Marionetten, dem einen schenkt er ein langes Leben, den anderen schickt er in den frühen Krebstod. In unserem Alltag aber würden wir uns schön bedanken für einen Gott, der uns wie Marionetten führt. Nehmen Sie Tschernobyl – wie kann Gott das zulassen? Dabei haben dieses Unglück Menschen gemacht. Ich sehe Gott nicht als den alten Mann auf dem Himmelsthron, der Menschenschicksale entscheidet.