Das erste Wiedersehen endet gewissermaßen klassisch, also mit einer Beschimpfung. Hochgezogene Augenbrauen, Entrüstung. "Ich wusste es", schnauft der frühere Außenminister, der Zeigefinger fährt anklagend nach vorn, "Sie sind auch so eine. So eine – Schnarchnase!" So eine Schnarchnase, die nicht begriffen hat, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt: Krieg oder Europa.

Die den dramatischen historischen Moment nicht erfasst. In dem es nicht darum geht, wie man die Griechen dazu bringt, ein effizientes Sparprogramm aufzulegen oder die Regeln zu retten, die einmal für die EU gemacht wurden, sondern um alles oder nichts. Eine Schnarchnase, die auch noch lacht, wenn man ihr all das ins Gesicht sagt. Unglaublich. Was ist das bloß für eine Generation? Kopfschüttelnder Joschka Fischer.

14. April 2010: Vor zwei Tagen ist der Metzgerssohn Joseph Martin Fischer, genannt Joschka, ehemaliger Sponti, Schläger, Turnschuh- und Außenminister, Vizekanzler, fünffacher Ehemann, dreifacher Vater, Großvater, der wahrscheinlich interessanteste lebende deutsche Politiker, 62 Jahre alt geworden. Oder müsste man sagen: Expolitiker?

Es sollte eine Reportage über Joschka Fischers viertes Leben werden. Wie wird ein Revolutionär alt? Was macht so einer, wenn er aufhört? Wo geht die Energie hin bei jemandem, dessen Bühne die Republik und dessen Leben die Politik war? Fünf Jahre ist es jetzt her, dass Fischer sein drittes Leben beendet hat, das Leben als Berufspolitiker, die Tür zugemacht, den Schlüssel umgedreht und weggeworfen hat, wie er sagt.

Als drinnen im Auswärtigen Amt alle darauf warteten, den Chef zu verabschieden, hat er den Hinterausgang genommen, ist in den Polo seiner Frau gestiegen und weggefahren, nach Hause, Kaffee trinken. Ohne die "traute Zweisamkeit zu siebt", wie er das Leben mit der Sicherheit sarkastisch genannt hat. Er hat ein Haus im Grunewald gekauft, ist als Gastdozent nach Princeton gegangen, hat dort die deutsche Wurst vermisst und gemerkt, dass Amerikaner anders, aber auch ganz anders sind als die Deutschen, und ist zurückgekommen.

Jetzt ist er Unternehmer. Die Firma heißt Joschka Fischer and Company. Fischers Partner ist der frühere Pressesprecher der Grünen-Fraktion, Dietmar Huber, außerdem hat Fischer seine langjährige Sekretärin Sylvia Tybussek mitgenommen, mit der er schon die Grünen und diverse Untersuchungsausschüsse durchgestanden hat (daran merke man übrigens, dass man echt raus sei, hat Fischer neulich zu seiner Frau gesagt: kein Untersuchungsausschuss mehr). Wer einmal zu Fischers Clan dazugestoßen ist, durchs Rüpelbad gegangen und gemerkt hat, dass der Mann mit den gelegentlich demonstrativ schlechten Manieren auch ganz anders kann, der bleibt meist aus echter Hingabe dabei.

Sein Unternehmen logiert am Gendarmenmarkt, ein großes Schild sucht man vergebens. Am Eingang weist, sehr amerikanisch, ein freundlicher Portier den Weg in die oberen Etagen. Schwarzes Leder, viel Chrom, leere Regale, wenige Bilder, alles riecht neu, sieht neu aus, nach Kulisse. Zeit seines Lebens war Joschka Fischer berühmt für seine schlechte Laune. Schon in der WG mit Daniel Cohn-Bendit in Frankfurt konnte er die schlechteste Laune der Welt haben. Man ließ ihn dann besser allein.

Später als Außenminister ließ er Spiegel- Reporter, die ihm in den Urlaub zum Sommerinterview nachreisten, stundenlang bei einer halben Birne und einer Flasche Wasser schmachten und nannte das Ganze dann sardische Vorspeise. Gesprächspartner, sofern sie von der Presse sind, nennt er gerne Nasenbären oder Fünf-Mark-Nutten. Sagenhaft auch Fischers Leibesumfang als solcher und als Metapher, über den er selbst ganze Bücher verfasste (Mein langer Lauf zu mir selbst). In letzter Zeit war zu hören, Fischer sei wieder ganz schön dick geworden.

Da sitzt er also im Designerfauteuil, kariertes Hemd, dunkler Anzug, schaut mäßig interessiert, mitteldick, mittelgut gelaunt. Nein, über sein viertes Leben will Fischer eigentlich nicht sprechen und auch nicht über sein Unternehmen. Mitnehmen will er schon gar keinen, nicht mal zu Vorträgen. Keine Reportage also, allenfalls ein Gespräch. Es werden dann drei.

Das ungeschriebene Gesetz jeder Fischer-Begegnung verlangt, dass erst mal die Fronten geklärt und die Kräfte gemessen werden. "Was ihr nie verstanden habt", fährt Fischer also den Besucher an, "ich habe auch furchtbar gelitten." An den Medien, an der Partei. Die Grünen, die immer aus Prinzip alles ganz anders machen wollten, Apfelsinenkisten statt Podium, keine professionellen Lautsprecher, weils so kreativer war, sodass er sich heiser brüllen musste. Dumme Journalisten, die noch dümmere Fragen stellen, immer dasselbe. Klar, er sei an der Politik auch gewachsen. Aber Außenminister, das sei der permanente "Alert-Status". "Mit der Zeit wird auch der Stärkste nicht besser", sagt Fischer. Das sei vom System so gewollt. Der Stärkste, versteht sich, das ist er.