Die Literatur einer bestimmten Zeit und Gegend kann mehr denken und empfinden helfen, als die durchschnittliche Zeitgenossenschaft denken und empfinden kann, aber niemals mehr, als die Menschen dieser Zeit und Gegend in ihren klarsten und freiesten Momenten von sich selbst erwarten.

Die Aufgabe der Literaturverbreiter ist es, die kühnsten Ansprüche der Menschen an sich selbst am Leben zu halten, auch da, wo deren Verwirklichung unter Bedingungen der Angst, der Krise, der Verwirrung unwahrscheinlich erscheint.

Ein Verlag kann dabei immer nur so viel, wie die Literatur kann, die er verlegt. Das aber reicht, um den Anspruch derer, die lesen, zu verändern, nicht nur den an die Literatur, sondern den an sich selbst.

Die These "Wir sind, was wir ermöglichen" setzt auf das Gelingen des Unwahrscheinlichen, aus Notwendigkeit – dass das, was verlegt wird, gut ist, dass es gebraucht wird, Bedeutung trägt und Bedeutung schafft. Dies ist zwar noch nicht die hinreichende Bedingung für die Geltung des Verlages auf dem Markt und für das kulturelle Gedächtnis, aber tatsächlich die notwendige dafür, dass diese Geltung sich länger als ein paar Jahre behaupten kann.

»Peter Suhrkamp und Siegfried Unseld haben den Suhrkamp Verlag als Trojanisches Pferd in die Festung Kulturindustrie gestellt: Es sieht aus wie ein Geschäft, ist aber in Wahrheit mehr als ein Geschäft«
Ulla Unseld-Berkéwicz

Die freie Wirtschaft spricht von Unternehmenskultur, da sie weiß, dass sie auf etwas angewiesen ist, das über sie hinausweist; die Kulturunternehmer aber führen sich auf, als könnten sie es sich leisten, zu vergessen, was sie von anderen Unternehmensformen unterscheidet. Stellen sie nicht auch Sachen her, müssen die nicht auch Absatz finden? Die Frage, zutiefst rhetorisch, tut so, als hinge von einer möglichst cleveren Antwort die Zukunft der Branche ab. Was für Sachen denn, Texte vielleicht?

Text ist keine Ware wie andere; schon der Sammelbegriff ist eine Verkürzung, die ihre Tücken hat. Die in den siebziger und achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts in Deutschland aufgekommene Redeweise von Literatur als Text mag einerseits berechtigt sein, weil damit viel falsches Aura-Gerede zerstört und auch die Nähe zur politischen Intervention oder zur tagebuchartigen Selbstverständigung gesucht werden konnte. Das Flugblatt und der Liebesbrief sollten dabei von der Literatur und denen, die über sie reden, umarmt werden. Auch bei Suhrkamp erschienen seinerzeit Bücher, die mit Abzeichen wie "Verständigungstexte" jenen Gedanken betonten. Diese Redeweise – es sind doch alles Texte – hat aber andererseits, wie jede Neuerung in der Wirtschaftsordnung, die wir nun einmal haben, auch die Warenmarkierung erleichtert und einen Zustand vorzubereiten geholfen, in dem Tauschgewohnheiten und Verrechnungspraxis wichtige Unterschiede zwischen den Dingen verwischen, die dann umstandslos allesamt "Text" heißen.

Der Sammelbegriff "Text" hat jedoch nicht nur Spinnweben von der Dichtung geblasen, sondern auch dazu geführt, dass die nunmehr digitalisierbaren Werke, da sie in derselben Computercodierung gespeichert werden können wie Flugblatt und Liebesbrief, Kassenbeleg und maschinenlesbarer Personalausweis, allesamt nur noch "Textdateien" sein sollen. Informatiker, die für derlei zuständig sind, nennen die eben noch als "Texte" geführten Zeichenarrangements bereits schlichtweg "Information" und ermöglichen damit den fatalen Fehlschluss, dass der demokratische Grundsatz der Informationsfreiheit, wonach niemandem der Zugang zu Informationen durch Zensur verwehrt werden darf, die Kostenlosigkeit der Literatur vorschreibe.

Theodor W. AdornosNegative Dialektik , Die Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss, Soziale Systeme von Niklas Luhmann, Friederike Mayröckers Gesammelte Gedichte , um nur vier sehr verschiedene Bücher zu nennen, die Suhrkamp in seiner sechzigjährigen Geschichte veröffentlicht hat, enthalten zwar tatsächlich allesamt Informationen, die man in Zeitungen und anderen herkömmlichen Informationsquellen vergeblich suchen wird, doch sie darauf zu reduzieren negiert alle Unterscheidungen, aus denen das Lesen gemacht ist. Ob ein Text Bericht, Gedicht, Analyse, Vertrag oder Gesetz ist, ist für unseren Umgang mit ihm von unhintergehbarer Bedeutung, nicht nur obwohl, sondern auch weil diese Zuordnung niemals ein für allemal feststeht, da ja die Gattungen sich überschneiden und sich wieder auseinanderleben und in diesem Zusammenspiel der Textarten die eigentliche Chronik der Entwicklung menschlicher Gesellschaften zu finden ist, mehr und genauer als in jeweils Berichtetem, Gedichtetem, Analysiertem, Vereinbartem und Gebotenem selbst.