Tradition und Moderne in der Mongolei: Ein Hirtennomade in der Hauptstadt Ulan Bator

Der Fremde im Zug: Die zwei jungen Mongolen mit ihren Mädchen tuschelten neugierig. Einer fragte auf Russisch, woher ich sei. Ach, ein Deutscher, staunten sie, sehr gut, noch nie seien sie so einem leibhaftig begegnet. Wie sollten sie auch. Es war Ende der siebziger Jahre, der Zug ruckelte durch das sibirische Burjatien. Das hatte zur Mongolei gehört, bevor es sich Russland im 19.Jahrhundert schnappte. An unserem Abteil schoben sich auf dem Gang russische Rekruten vorbei. Mein Gegenüber flüsterte: "Unser Dschingis und euer Hitler hätten die zum Teufel gejagt."

Heute flüstert kein Mongole mehr, wenn er Hitler ins Feld führt – nun gegen die Chinesen. Bereitwillig bauen sich die Neonazis vom Weißen Hakenkreuz zum Gruppenbild auf, mitten in Ulan-Bator, der Hauptstadt der Mongolei. Big Brother nennt sich das 41-jährige Gründungsmitglied: Schultern so breit wie ein Schrank, das Kinn gereckt, am Hals ein Eisernes Kreuz, rote Armbinde mit Hakenkreuz, Hitlers Konterfei auf dem Zigarettenetui. Sein Arm liegt auf der schmalen Schulter eines Glatzenträgers mit Sonnenbrille, roten Hosenträgern à la Larry King, einem Hakenkreuz auf dem T-Shirt, die Jeans aufgekrempelt, Schnürstiefel bis zu den Kniekehlen.

Drei rechtsradikale Gruppen, nach ihren unüberprüfbaren Angaben mit insgesamt 3000 Anhängern, machen der Demokratie mit knapp drei Millionen zu schaffen. Sie präsentieren Pferde mit Hakenkreuzen als Brandzeichen. Einen Jeep, der mit dem Nazi-Enblem auf blauer Fahne über Ulan-Bators Friedensallee rollt. Den Sieg-Heil-Gruß mit gestrecktem Arm. Schon im vergangenen Jahr sprayten sie an Ecken und Wände der Hauptstadt: "Liquidiert die Chinesen!"

Gleich ihren europäischen Geistesverwandten sind die mongolischen Rechtsradikalen Anhänger einer kruden Rassenlehre. "Wenn sich unser Blut mit Ausländern mischt, zerfallen wir", sorgt sich Zagas Ergenebileg, gewissermaßen der Doyen der zweiten Gruppe Die ganze Mongolei, der sich schon viermal als Präsident des Landes bewarb. Der 23-jährige Battur, Zögling von Big Brother, ließ jüngst den Londoner Guardian wissen: "Wir müssen als Nation sicherstellen, dass unser Blut rein ist. Davon hängt unsere Unabhängigkeit ab. Mischen wir uns mit Chinesen, verschlingen sie uns." Die Mannen vom Weißen Hakenkreuz sehen sich als "Organ zur Vollstreckung der Gesetze. Wir gehen in Hotels und Restaurants und stellen sicher, dass sich dort keine mongolischen Mädchen prostituieren und keine Ausländer die Gesetze brechen."

Mit dem Gesetz ist es nicht ganz so einfach. Wer den grau melierten P.Enkhbat vor einigen Jahren in seinem blauen Gewand als Vorsitzenden der dritten Nazigruppe Khukh Mongol (Blaue Mongolei) erlebte, der hätte ihn leicht für harmlos halten können. Im Spätherbst 2007 aber erschoss er den chinesischen Freund seiner Tochter. "Ich dulde nicht, dass meine Tochter einen Chinesen hat", erklärte der Täter. Ein Stadtbezirksgericht, so meldete die Agentur der Deutsch-Mongolischen Gesellschaft Ende Juni 2008, verhängte die Todesstrafe. Der Naziführer ging in die Revision, seine Blaue Mongolei droht weiter, Frauen, die sich mit Chinesen einlassen, kahl zu scheren.

So brutal sind sie nicht alle. Die durchaus offene Bürgergesellschaft der Mongolei muss die Neonazis vorerst kaum fürchten. Doch während vor den Edelboutiquen in Ulan-Bator immer mehr Luxuslimousinen parken, vergrößern sich in den wachsenden Jurten-Vorstädten der Hauptstadt Armut und Verbitterung über Ungleichheit und Korruption. Das macht den Boden fruchtbarer für die unbedarften Nazijünger, die mit dem Reichsadler den chinesischen Drachen vertreiben wollen.