Der Weg zum Licht führt tief hinab ins Dunkel, jedenfalls in Unna. Zehn Meter tief reichen die Gär-, Lager-, Eis- und Kühlräume der berühmten Lindenbrauerei, jahrhundertelang einer der Fixpunkte der Stadt, erste Erwähnung 1346, ausgebaut zum Industrieunternehmen ab 1859, bekrönt von einem 52 Meter hohen Schornstein 1936, das letzte Fass Bier rausgerollt 1979. Danach kam erst mal lange nix außer der alten Ruhrgebietsfrage: Was tun mit so einem kolossalen Relikt des Industriezeitalters? Oben tun wir Kultur rein, hieß auch in der 67.000-Einwohner-Stadt die Antwort, Bibliothek, Volkshochschule, Stadtarchiv, Kulturamt, Off-Theater. Und unten?

Ein paar Tausend Quadratmeter Kellerlabyrinth, lange, schmale, hohe, stockfinstere, feuchte, kalte Räume, ohne echtes System aneinandergefügt, von keinem durchgehenden Weg erschlossen, von toten Gängen durchsetzt. Klingt eher nach Albtraum als nach Museum – und doch ist eins daraus geworden, ein weltweit einzigartiges. Den ersten Anstoß dazu gab Karl Ganser, der legendäre Leiter der Internationalen Bauausstellung Emscher Park. Bloß nicht noch ein Industriemuseum in der Industrieruine!, warnte er. Lasst die Räume, wie sie sind, und macht was, was noch keiner hat. Der Kurator Uwe Rüth legte schließlich 1999 das Konzept eines " Zentrums für Lichtkunst " vor, und nur zwei Jahre später wurde es eröffnet.

Ein normales Museum ist das Zentrum bis heute nicht. Zum einen ist es nur im Rahmen von Führungen zugänglich – zu unübersichtlich ist diese Hopfen-und-Malz-Unterwelt immer noch. "Und wir wollen doch, dass alle Besucher, die reingehen, auch wieder rauskommen", sagt Ursula Sinnreich, die Direktorin. Zum anderen heißt das Zentrum ganz bewusst so, weil es nicht nur Lichtkunstwerke ausstellt, sondern eine Plattform sein will für alle, die professionell über Licht als Medium zur Inszenierung unserer Umwelt nachdenken; Designer, Architekten, Ärzte, Philosophen, Physiker und Künstler treffen sich hier zum Gedankenaustausch. Und alles andere als normal ist schließlich, dass die Kunstsammlung des Hauses bislang nur ein Dutzend Arbeiten umfasst.

Aber was für welche! Das Prinzip war von Anfang an, nicht in Galerien ein paar Highlights der Lichtkunst von der Stange zu kaufen, sondern bei international renommierten Künstlern Arbeiten für Unnas größten Keller in Auftrag zu geben. Im Laufe eines knappen Jahrzehnts sind so zwölf einzigartige Gesamtkunstwerke entstanden, jedes verwandelt das ihm zugewiesene Verlies in leuchtende, mitunter auch tönende, mal erheiternde, mal beklemmende, in jedem Fall staunen machende Ereignisse, die den Besucher am ganzen Leib ergreifen. Den Anfang macht hinter zwei unscheinbaren Türen und ein paar eisernen Treppenstufen Joseph Kosuth. Knapp unter der Decke betritt man seinen Keller über einen eisernen Steg, weit unten leuchtet in riesigen Buchstaben wie ein Motto für alles, was noch kommt, ein Zitat von Heinrich Heine: "Der Mensch braucht nur seine Gedanken auszusprechen, und es gestaltet sich die Welt, es wird Licht oder es wird Finsternis".

Im Zickzack schreitet man dahin über die Worte des Dichters, der zweimal auch in Unna war, und verschwindet durch die Wand, um in Mischa Kuballs Glitzer-Universum namens Space – Speech – Speed einzutauchen. Drei Discokugeln jagen Lichtsplitter durch den Raum, als säße man im Raumschiff Enterprise, das gerade seinen Warp-Antrieb hochgefahren hat. Zugleich werfen die Kugeln stoisch ihre Schatten an die Wand, ein Bild wie bei einer totalen Sonnenfinsternis. Hell und Dunkel in rasendem Stillstand.

Und so geht es weiter, durch die roten und blauen Leuchtstofftränen von Keith Sonniers Tunnel of Tears, vorbei an Christian Boltanskis Totentanz , bei dem winzige aus Blech geschnittene Teufel, Geister, Unholde und ihre Opfer so gewaltige wie bedrohliche Schatten werfen; mitten hindurch zwischen Olafur Eliassons wandhohen Wasserfällen, deren einzelne Tropfen der Künstler mithilfe von Stroboskoplichtern scheinbar am freien Fall hindert. Den Höhepunkt des Rundgangs aber bildet in jedem Sinn des Wortes James Turrells Third Breath.

Seine zweistöckige, 14 Meter hohe Architektur zur Erforschung des Lichts ist selbst für den weit verzweigten Keller zu groß, weshalb sie sich nun im Hof darüber erhebt. Durch einen unterirdischen Gang betritt man eine hausgroße Camera obscura. Die Linse in der kreisrunden Öffnung der Decke fängt das Tageslicht ein und führt es auf den Fußboden, wo auf poliertem weißem Marmor ein Abbild des Himmels erscheint. Wie von überirdischen Mächten bewegt, ziehen Wolken, Vögel, Flugzeuge zu den Füßen des Betrachters dahin, die Welt steht aufs Schönste Kopf.

Doch das ist nur Teil eins der Turrellschen Licht-Lektion, Teil zwei folgt eine Treppe hinauf, wo sich einer der legendären Sky Spaces des Amerikaners erhebt. Das Loch in der Stahldecke des Himmelsraums schneidet ein Tondo aus dem stets sich wandelnden Firmament, und jeden Tag 25Minuten vor Sonnenuntergang wird das Naturschauspiel durch ein computergesteuertes Lichtspektakel ergänzt. Traumverloren sitzt man gleichsam zwischen Himmel und (Bier-)Hölle, fühlt sich wie von einem göttlichen Auge betrachtet und sieht zugleich dem Licht, diesem biblischen Urstoff, bei der Arbeit zu. Wie immer bei Turrell ist all das nur Physik – und doch auch die größtmögliche Annäherung an Transzendenz, die die zeitgenössische Kunst bereithält.